Pop Society

Mittlerweile sind wir rund um die Uhr umgeben von Pop: Vom Poster an der Wand über JLo's Klamotten über die Klingelton-Industrie zum... You name it.
Ließen sich bis vor einiger Zeit Konservative noch über zumindest ungelenken Umgang mit Pop identifizieren, haben die Neocons inzwischen letzte Berührungsängste abgebaut. Da wird die Kanzlerin von ihren Parteigängern mit einem Rolling-Stones-Song (!) gefeiert, das Fernsehen zeigt "Benedikt Backstage", Versicherungen werben mit Grunge-Sound und der Tanzurlaub auf Ibiza ist eh schon seit einem Jahrzehnt die Clubber-Alternative für Mallorca.
Das ist in diesem Jahrtausend alles so selbstverständlich, dass sich nur noch ältere Semester darüber wundern. Denn der Witz ist: Auch Neocons verstehen Pop (richtig) und gehen routiniert damit um. Was vor 40 Jahren als oppositioneller Gegenentwurf begann, hat seinen Marsch durch die Institutionen längst abgeschlossen. Pop hat die absolute Mehrheit- die Gesellschaft ist Pop.

Kein richtiger Pop im Falschen...

Obwohl das alles mehr als offensichtlich ist, scheint dies im Bewusstsein zumindest derjenigen, die sich von Berufs wegen mit Kultur befassen, immer noch nicht angekommen zu sein. Zwar berichten auch die Tagesthemen immer mal wieder über einzelne Phänomene (wie Tocotronic oder Scissor Sisters), die tatsächlichen kulturellen Verhältnisse beleuchten auch die aspekte nicht. Besonders dort hat man die zeitweise Inflation der Musiksender zur bequemen Pflege alter Vorurteile genutzt und die Berichterstattung über den mit Abstand größten Teil des kulturellen Tagesgeschehens dem Kinderfernsehen überlassen.

Kinderkram?

Das letzte der populären Missverständnisse hat sich mittlerweile zur Lebenslüge von Pop ausgewachsen: Pop sei gleich "Jugendkultur". Wo die 68er langsam aber sicher in Rente gehen, ist diese Ideologie bestenfalls noch als Realsatire zu sehen. Vielmehr bedient sich die heutige Teenie-Generation der Sprache und Ausdrucksformen, die ihre Großeltern mehrheitsfähig gemacht haben. Eigentlich wissen es alle, drüber reden tut keiner gern:
Pop ist nicht jung- schon lang nicht mehr.
Was spaßiger Weise immer noch für betretene Mienen auf beiden Seiten sorgt: Wenn Muttern Töchtis Beyoncé mit Chaka Khan kontert und Opa dem erschrockenen Enkel vorführt, dass My Generation (The Who 1965) die Strokes wie die letzten Langweiler aussehen lässt.
Vernünftige Erklärungen und Umgehensweisen für derartige Phänomene sind Mangelware. Der sog. "Pop-Journalismus" beschränkt sich mehrheitlich aufs bloße Mitmachen/Abfeiern und die altehrwürdige Wissenschaft hat es auch nach einem halben Jahrhundert Pop-Geschichte immer noch nicht geschafft, brauchbare Definitionen für die etablierten Stilrichtungen zeitgenössischer Musik aufs Papier zu bringen.

Pop-Zombie

Schon in den 60ern war Pop zwar ein hübsches Schlagwort, aber selbst die damaligen Zeitgenossen sahen wenig Gemeinsamkeiten zwischen Simon & Garfunkel und den Mothers Of Invention oder den aggressiven Who (die damals regelmäßig ihr Instrumentarium zertrümmerten) und friedlich kiffenden Blumenkindern aus San Francisco. Die Gründerjahre des heutigen Pop-Biz waren geprägt von einer eher zufälligen Allianz von Folkies und Rockern, die damals schon mehrere Schattierungen aufwiesen, die zu jener Zeit noch keine Namen hatten. Und die Soul-Brothers waren anscheinend auch nur "mit dabei".
In den nächsten zwei Jahrzehnten kamen dann eine handvoll neue Stilrichtungen dazu und die frühen 90er erlebten dann kurzzeitig, dass sich neue Sounds tatsächlich mit Warp-Geschwindigkeit auszubreiten schienen- allerdings auch nur aus der Sicht derjenigen, die die subkulturellen Entwicklungen der 80er verschlafen hatten.
Seitdem hat allein Techno mehrere Richtungen generiert, die teilweise untereinander nur noch wenig gemeinsam haben. Alternative ist ein ziemlich hilfloser Begriff für ein sehr heterogenes Gemisch verschiedenster Rocksounds mit Überschneidungen zu fast allen anderen Richtungen.
Das Wort Pop hat mit alledem nichts mehr zu tun: Es kann nicht erklären, warum Gnarls Barkley nunmal nicht das Gleiche ist wie System Of A Down und warum Ricardo Villalobos nicht in den Top 10 ist, obwohl er doch Sounds für den Dancefloor macht.
In Zeiten, wo die ganze Gesellschaft Pop versteht und praktiziert, ist Pop ein nutzloses Wort, das nichts Besonders mehr kennzeichnet.
Pop ist tot.
Es wäre an der Zeit, die Stilrichtungen aktueller Musik bei ihren Namen zu nennen und realisieren, dass Hiphop dieser Tage mehr kulturelles Gewicht hat als Oper. Solange die bürgerlichen Medien allerdings mehr über Dressurreiten berichten als über Techno, wird sich daran wohl nichts ändern.
Und wo wir gerade beim Realismus sind: Pop ist für die globale Marketingbranche natürlich auch viel zu sexy, als dass sie in absehbarer Zeit davon lassen würde.
Unter dem Strich bleibt eine Kultur, die sich selbst nicht versteht, Medien, die die Realität nicht abbilden können und eine Wissenschaft, die nichts zur Entwirrung des Durcheinanders beitragen kann, solange sie Cpt. Beefheart mit Madonna und 50Cent in einen Topf wirft (wenn sie Pop nur als Abkürzung von populär sehen will) und eine Gruppe Journalisten, die sich mit sich selbst beschäftigen und höchstens noch darüber streiten, ob es etwas zu diskutieren gibt.
Resultat: Der Pop-Diskurs-Diskurs.

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