Spex & die 25 Jahre

Eigentlich wollte ich nur mal schnell nachsehen, wer sich da zum Spex-Geburtstag so äußert und habe mich dann doch gewundert, dass so viele Leute so viel dazu zum Besten geben wollen. Bzw.: Statt Feier geht der Trend zur Generalabrechnung- was auch Doris Achelwilm im Sterne-Artikel (03/06) erstaunt-genervt feststellte: "Hat die umseufzte Diskursdiva die vielen Besserungswünsche echt verdient?"
Prompt geraten die Nachwehen zum Jubiläum der Spex im Frühjahr 06 zu einem nützlichen Roundtrip, um sich über die hiesige Pop-Kultur und das Schreiben darüber zu informieren.

Und Diskursdiva...
Damit wären wir schon mittendrin: In diesem direkten Wortsinn habe ich in der Spex schon längere Jahre keine Diskurse mehr vorgefunden. Was ich nicht so schlimm finde wie manch andere, kann das aber gut nachvollziehen. Schließlich war die anno 81 von den Sounds-Aussteigern Diedrichsen, Drechsler & Co. gegründete Spex bis weit in die 90er hinein das hiesige Flagschiff in Sachen ernsthaftem Pop-Journalismus und zugehörigem Diskurs. Eine Qualität, die allerdings zum Ende des letzten Jahrzehnts abhanden kam.
Nach dem Rückzug der Gründergeneration, zu dem Hans Nieswandt in PlusMinus 8 ein paar Andeutungen macht, kam um die Mitte der 90er eine Generation, die sich zunehmend gegen den akademischen Dozenten-Stil von Diedrich Diedrichsen verwahrte und in den Tagen des großen Techno-Hypes mit der stilistischen Ausrichtung brach, die die Spex groß gemacht hatte.

Spex & Post-Rock

Abseits des Personellen erwies sich das als Erosion mit weitreichenden Folgen, die die Spex mehrmals nah an den Ruin und schließlich zum Verkauf trieb. Bekanntlich war die Spex mit Indie/HC/Alternative (wie immer du's nun nennen willst) groß geworden und als solches nunmal ein Blatt mit deutlichem Rock-Schwerpunkt, das dort über unbestrittenen Respekt verfügte. Als die Leute zur Zeit der letzten großen Revolution der Pop-Kultur lieber zur Loveparade gingen und der alte Rock'n'Roll in einem Sarg namens Post-Rock endgültig entsorgt werden sollte, hatte auch die neue Spex-Generation keine Lust mehr und überließ das Feld Blättchen wie "Visions". Eine Lücke, die bis heute klafft. Die Ironie des Schicksals: An Post-Rock (die Post rockt eigentlich gar nicht ;-) erinnert sich heute keiner mehr und die Spex hat's auch nur mit knapper Not bis heute geschafft.
Fairer Weise sollte doch gesagt werden, dass in der Nachfolge von Hans Nieswandt einige *hüstel* "Kernkompetenzen" im elektrischen erarbeitet wurden- sogar Sascha Kösch schrieb eine kurze Zeit für die Spex, ging dann aber doch lieber nach Berlin zur Frontpage und gründete nach deren Ruin schließlich debug. Was für sich genommen auch eine gute Sache ist, aber genauso illustriert, dass die Spex Ende der 90er ziemlich richtungslos herumstolperte. Es wurden Änderungen an Layout und Format versucht, aus dem Untertitel "Musik zur Zeit" wurde "Magazin für Popkultur", was sich hier durchaus als Trend zum Beliebigen lesen ließ. Letzten Endes blieb nur die Suche nach Geldgebern und der letztendliche Verkauf an die Verlagsgruppe Piranha Media, in der auch andere bekannte Titel konzentriert sind.

...seit 2000

In diesem Jahrzehnt hat sich der Wind nun wieder gedreht und Sascha Kösch beklagt im Jahresrückblick 05 leere Clubs angesichts einer "Rockwelle". Unter der Ägide von Uwe Viehmann hatte sich die Spex gerade ein paar alte Qualitäten neu erarbeitet, aber zu Anfang 06 kam nun, was unter der Herrschaft von zu viel Fremdkapital nunmal nicht selten vorkommt: Der Geldgeber/Verlag hat seine eigenen Vorstellungen und verordnet in diesem Fall einen Umzug des Hauptquartiers nach Berlin (um nah bei MTV zu bleiben?). Viehmann und andere schmeißen spontan die Brocken hin und als erstes Resultat kommen Artikel wie die offensichtlich fremdeingekaufte Titel-Story zu den Yeah Yeah Yeahs, die es vorher so flach wohl nicht gegeben hätte.

Spex-Links

Vor diesem Hintergrund hat meine kurzentschlossene Betätigung der Suchmaschine eine hübsche Anzahl von Links zum Spex-Geburtstag und dem Stand der Dinge in Sachen Pop-Journalismus und Pop-Diskurs zu Tage gefördert:
Vielleicht taugt die Sicht eines Fußball-Fans ja als Schlusswort.

Andere Meinungen/Links