Le Tigre

Feminist Sweepstakes



Bei einer so explizit politischen Band wie Le Tigre, muss an dieser Stelle zumindest das Eingeständnis kommen, dass ich von Gender-Politics viel zu wenig Ahnung habe, als dass ich mich hier dazu äußern könnte. Ich unterlasse daher halbgare Versuche in dieser Richtung (in der leisen Hoffnung, dass vielleicht irgendwann mal wer passende Infos/Kontexte beisteuert) und stelle bis auf weiteres die Arbeitshypothese auf, dass es bei Le Tigre auch so viel musikalische Substanz gibt, dass sich die zur Not auch allein besprechen lässt:

Wo zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Feminist Sweepstakes anderswo der Electroclash tobte, möchte ich mal sagen: Dies hier sind die echten "Geräusche für die 80er" (Titel eines längst legendären Samplers, der die Wurzeln der "Neuen Deutschen Welle" versammelte, als das noch Underground war). Solche *je nun* "Wave"-Einflüsse (wie man das damals genannt hätte) gibt es hier gerade nicht als Mode-Statement, wie das ansonsten gemacht wird. Vielmehr machen Le Tigre auf Feminist Sweepstakes das Bestreben hörbar, neuere Techniken bis zur Grenze (und darüber hinaus) aus zu testen. Und das ist genau der Ansatz, der den sog. "80er-Sound" überhaupt erst möglich gemacht hat.
Diesen Grundgedanken wieder nach vorn zu bringen, finde ich schonmal hervorragend. Le Tigre kommen gerade nicht mit Depeche Mode, sondern hat Ecken und Kanten und geht durchaus aggressiv nach vorne. Wenn schon bezugspunkt, dann Unknown Gender (passt thematisch wohl am besten). The Slits natürlich, aber auch Leute wie Laurie Anderson haben zu jenen Zeiten ähnliche Sounds versucht. Elektro-PUNK und nicht style-mania. Erstaunlich, wie aktuell sich das anhört (Retro mag ich das deswegen gar nicht nennen). Mir persönlich gefällt das besser als der Ansatz von Kelis/Neptunes, die beim oberflächlichem Reinhören auf verwandter Schiene unterwegs zu sein schien. Womit ich nichts gegen Kelis gesagt haben will.
Fazit also: Selbst- und stilbewusst, ein kompaktes Statement, was gut auf den Punkt kommt. Gerade diesen künstlerischen Aspekt finde ich besonders herrausragend, weil explizit politische Bands gern in Grundsatzerklärungen ersticken, die der Musik keinen Platz mehr lassen.

Und die Vorgeschichte ist übrigens auch nicht ohne:
Denn Kathleen Hannas Biographie ist eng verbunden mit der vor 10 jahren im Zuge der großen Grunge-Welle viel diskutierten Rriot Grrl-Bewegung (ehedem prominente Vertreterinnen: Babes in Toyland, L7 oder ihre eigene Band Bikini Kill...) In dem Zusammenhang "legendär" ist auch ihr handgreiflicher Clash mit Courtney Love (weiss wer, worum es da genau ging?). Kathleen Hanna war schon damals bestrebt, den Boom des US-Undergrounds zu nutzen, um explizit feministische Themen auf die Tagesordnung zu bringen. Und das schon damals auf musikalisch höchst glaubwürdige weise, die zeigte, dass sie Musikerin genug ist, um die Dinge von Innen heraus zu betrachten. Und den üblichen Politnik-Fehler vermied, von außen lediglich zu propagandistischen Zwecken auf einen fahrenden Zug aufzuspringen.
Auch das Thema Rriot Grrlism würde ich hier gern gründlicher beleuchtet sehen- falls wer von euch da draußen zumindest den einen oder anderen Link hat... ?
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