Rival Schools

United By Fate II

Carsten Sandkämper
Spex 01-02/02


Schon lange schlich der Name durch Newsletter und Internetforen, ohne dass die neue Band von Walter Schreifels bisher musikalisch aufgefallen wäre. Schwer wiegen die Vorschusslorbeeren, denen Rival Schools mit ihrem ersten Tonträger gerecht werden müssen. Dabei eilt den Musikern der gute Ruf ihrer eigenen gemeinsamen Vergangenheit in genrebestimmenden Bands des amerikanischem Hardcore an der Grenze zwischen old und new school wie Gorilla Biscuits, Youth Of Today, CIV oder Quicksand voraus.
Ungeachtet der Vermutung, ob es nicht selbst ein Alternative All Star Team schwer haben könnte, die hohen Erwartungen einzulösen, ohne den Spaß am eigenen Tun zu verlieren, erinnert mich "United By Fate" beim Hören an Schreifels denkwürdigen Ausspruch am Rande einer der letzten Tourneen mit Quicksand. Er wurde gefragt, ob es nicht ein wenig komisch wäre, als einer der dienstältesten Musiker des Abends im Line-Up als Vorband von The Offspring antreten zu müssen. »Wir fühlen uns hier ein bisschen, als wären wir King Crimson. Irgendwie wie Dinosaurier.« Und vielleicht ist es das größte Problem, das die Platte zu bewältigen hat, dass hier zu viele Zugeständnisse an die Vergangenheit gemacht werden, sich zu viele Ambitionen in überkommenen Ideen verlieren. Ein Großteil der Stücke will in die College Radios (nach mehr zu verlangen, wäre weltfremd). Mit aller Gewalt. Und das reizt in seiner Offensichtlichkeit bis aufs Blut. Neben den deutlichen Spuren, den immer noch aktuelle Konkurrenzprodukte wie Jimmy Eat Worlds "Bleed American" im Geist des Songwritings von Rival Schools hinterlassen haben, überzeugt das Album leider nur auf halber Länge und hier vor allem in gelassenen, fast schöngeistigen Momenten. Der Rest kumuliert zu einem rockenden Bastard aus Freitags-lndie-Disco, der ersten Foo Fighters (was ja nicht unbedingt schlecht ist) und einer Menge Emo-Mitsingrefrains.
Angesichts dieser Platte zu proklamieren, Walter Schreifels würde der Musikwelt mit Rival Schools "erneut einen erfrischenden Impuls geben" (Presseinfo), ist vergleichbar mit der Behauptung, Gemischtwarenhändler seien Fachleute. Bitte nicht falsch verstehen, liebe Gemischtwarenhändler.



Carstens (im übrigen immer noch aktuelle) Situationsbeschreibung finde ich völlig zutreffend, die daraus gezogenen Schlüsse teile ich allerdings überhaupt nicht.
Klar: Die streckenweise überzogenen Erwartungen konnte United By Fate selbstverständlich nicht erfüllen- eine Innovation ist das noch nicht mal ansatzweise. Aber warum auch? Ich möchte mal die These wagen, dass auch Carsten Sandkämper niemanden nennen kann, der dieser Tage etwas grundlegend Neues macht. Nicht mal Carsten selbst tut das- der Vorwurf vom "Gemischtwarenhandel" hat ein ebenso langen Bart wie das Wort "Crossover". Deswegen ist die Sache mit den "überkommen Ideen" in diesem Zusammenhang eine reichlich schnöselige Mäkelei. Denn besonders der Nu Metal-Hype (der sich anno 02 auf dem Höhepunkt befand), zeigte damals mit aller Deutlichkeit, dass der Ansatz, die Energie aus verschiedenen Quellen zu zapfen, ein brandaktueller war/ist. Von daher finde ich es nicht verkehrt, dass die Rival Schools hier verdeutlichen, wie das mal gemeint war. Wie gut das dann funktioniert, ist letztlich wohl eine reine Geschmacksfrage.
Viel spannender ist für mich etwas anderes:
Warum klatschen alle, wenn z.B. LFO "zeitlose Qualtiäten" demonstriert, warum wird Pete Rock als Hiphop-Historiker respektiert oder The Mars Volta und Laurent Garnier bestaunt, weil sie gar den bösen alten Prog-Rock exhumieren?
Die Antwort würde mich sehr interessieren...
Und schlimmer/substanzieller: Auch wenn Walter Schreifels die Sache mit den "Dinosauriern" wohl selbst in die Welt gesetzt hat (ob er sich daran noch erinnert?) steckt für mich hinter Kritik aus dieser Richtung eine reichlich schiefe Weltsicht. Dort dräut spürbar das bildungsbürgerliche Kunstverständnis, das "populäre Musik" gern als "Kinderkram" zu denunzieren trachtet. Um als nächstes zu fordern, dass Mensch doch ab Mitte 20 was anständiges zu machen hätte. Sorry, aber wenn ich irgendwas "überkommen" finde, dann solches Denken (Lebenskonzepte/Normalbiographie ist auch ein spannendes Thema... ;-)

Endlich zurück zu United By Fate:
Den Ansatz, sich nach ewiger Verbreiterung wenigstens zwischenzeitlich mal wieder aufs wesentliche zu besinnen, gibt es in jeder Musikrichtung, daran kann ich grundsätzlich nichts schlechtes finden. Gerade in Zeiten des Nu-Metal-Hypes finde ich es durchaus wertvoll, zu demonstrieren, dass die gleiche Mischung auch (Massen-)Marketing funktioniert.
Problematischer finde ich eher, dass die Rival Schools zu einem Zeitpunkt zurückkehren, den ich mal grob in den frühen 90ern ansiedeln würde. In den 80ern war Crossover nämlich eine deutlich rauhere Angelegenheit. Deswegen werden hier auch nicht wirklich vergessene Essenzen freigelegt, sondern lediglich ein State of the Art gespiegelt, an dem die Synthese ganz anderer Bereiche bereits erfolgreich vollzogen war. Das ist inzwischen alles dermaßen Allgemeingut geworden, dass eine Rückbesinnung fast überflüssig erscheint. Besonders, wo dieses Album inzwischen nun auch schon wieder 3 Jahre zurückliegt, scheint mir das insgesamt nicht mehr als eine interessante Randbemerkung zu sein.
Anders gesagt: Wer Bleed American im Schrank hat, braucht das nicht wirklich, kann aber trotzdem einigen Spaß damit haben.
Allerdings: Es dürfte wohl bei weitem nicht Schreifels eigenem Anspruch genügen, auf einer Stufe mit poppigen Indie-Rockern zu stehen- aber das Terrain, was ca. 1990 Hardcore genannt wurde, wird heute von Leuten wie System Of A Down gehalten. Und verglichen mit Toxicity ist das hier leider trotz aller Sympathie reichlich kalter Kaffee...
Anderer Meinung?