System Of A Down

Toxicity


Toxicity scheint das Album gewesen zu sein, mit dem System Of A Down der Medienöffentlichkeit vorführten, dass die vorher gern schräg angesehene Rockmusik neue (?) Energie besitzt- in der hiesigen Lokalpresse wurde das so beschrieben:
"Die Band der Stunde aber heißt System of a Down: Vom Debütalbum eine Million Platten verkauft, mit dem Nachfolgealbum (Toxicity) sofort an der Chartspitze der USA gelandet und von amerikanischen Magazinen mit ersten Plätzen in der Jahreswertung 2001 belohnt. 'Und das', sagen sie, 'obwohl wir vier Armenier sind'."
Prompt starteten hektische Versuche, das unerwartete Phänomen zu Etikettieren: Nu Metal? Aber hier gibt's keinen Rap- und Limp Bizkit klingen auch irgendwie anders...
Nu Rock? Dafür sind System Of A Down dann doch zu massiv. Die Marketing-Branche, die zumindest als Arbeitsprobe jedes Jahr einen neuen Trend ausrufen muss, war einigermaßen ratlos angesichts eines Sounds, der 10 Jahre zuvor schlicht Hardcore genannt worden wäre.
Wer in den Jahren davor seine Ohren nicht ganz woanders gehabt hatte, wird sich allenfalls über die relative Leichtigkeit gewundert haben, mit der System Of A Down nach vorn gekommen sind. Das dokumentiert nochmal den Wandel der Wahrnehmung des ehemaligen Hardcore vom Subkultur-Sound (80er) über state of the art (frühe 90er) hin zum (zumindest Charts-technischen) Mainstream.

All das tut meiner Bewertung aber wirklich keinen Abbruch, denn dies ist absolut mein Sound: Keine Schicki-Hochglanz-Produkion, sondern roh und trocken, mit einer guten Schippe Dreck drin. Drucktechnisch auch wenige Jahre später immer noch weitgehend unerreicht: Es knallt, dass die versammelte Nu Metal-Fraktion milchgesichtig im Regen stehen bleibt. Schadenfreude!
Trotzdem sind System Of A Down alles andere als stumpfe Bolzer. Viele Breaks in Sachen Rhythmus, Geschwindigkeit und Stimmung kommen hier gerade nicht gebastelt, sondern druckvoll rüber. Slipknot sind sicher Sound-Verwandte, aber System Of A Down kommen ohne Mummenschanz und Kasperkram aus, was mir sehr sympathisch ist. Der weitestgehende Verzicht auf trendiges Sound-Ambiente tut seine Teil dazu bei, dass insgesamt eine vergleichsweise "lockeres" Feeling vorherrscht (soweit man das in dieser Sparte sagen kann). Und dieser Sound hat auch einen Namen: Rick Rubin, der seine Hände bei schon so vielen großen Sachen im Spiel hatte, dass es mich fast wundert, dass noch keine Biografie auf dem Markt ist (wohl, weil er sich das verbittet...)
Insgesamt also: Starkstrom für die Heilung von Geist und Seele- sowas gab es vorher lange nicht. Eine Jahrzehnt-Platte. Mindestens.
(Weswegen die Messlatte für den Nachfolger damit allerdings in schwindelnder Höhe zu liegen kommt...) Anderer Meinung?