[Grunge]

Legenden

(... alone in the dark)

Visions versucht also, das Jahr 1991 zu beschreiben, als innerhalb von 4 Wochen Pearl Jams Ten und Nirvanas Nevermind rauskamen- Zitat: "Dabei war nicht nur der Sound neu und anders, sondern auch die Grundeinstellung" *vordiestirnschlag* Für diese Leute hat es Hardcore tatsächlich nie gegeben- wie super neu das alles 1991/92 war erkennt jedes Schulkind, dem man mal probeweise (wg. passendem Bildmaterial) Double Nickles On A Dime von Minutemen in die Hand drückt: Neben Flanellhemden, kaputten Jeans und Chucks (den angeblichen Grunge-Insignien) findet sich da eine kleine Zahl: 1984. Und der Satz: "Take that Hüskers!" (Tja: Wer war das nochmal schnell? Etwas Aufklärung gibt es bei SST). Hüsker Dü hatten nämlich kurz zuvor ein ein Doppelalbum heraus gebracht- ein bis dahin in einschlägigen Punk-Kreisen unter dringendem Hippie-Verdacht stehendes Format. Und krönten das auch noch mit dem Mega-Hippie-Titel Zen Arcade (ob das evtl. ein paar Kids aus dem Nordwesten zu einem buddhistischen Bandnamen inspiriert haben könnte? *pfeif*) Okok- der Sound der Minutemen hat selbstverständlich mit Grunge nichts zu tun, dessen erste Ansätze liefen zu der zeit bei den Kumpels von Black Flag- ohne die hätte es wohl keinen Grunge gegeben, behaupte ich jetzt einfach mal.
Übrigens schreibt Visions, der Grunge-Sound sei "das Beste aus Metal, Independent und Pop" gewesen. Tschuldigung liebe Leserinnen und Leser, das tat jetzt wirklich weh, aber ich fürchte, es musste sein. Irgendwie würde ich das gern mal Henry Rollins vorlesen- schätze, der würde zu einer seiner heiteren Tiraden ansetzen...
...und jener diktierte den Geist der entscheidenden Jahre übrigens auch noch vor gar nicht langer zeit der Spex ins Protokoll:
"Als ich jung war, konntest du in den Plattenladen gehen und sagen 'Ich möchte das Haus meiner Eltern niederbrennen und brauche den passenden Sound-Track dazu'- 2 Minuten später hattest du, was du brauchst."
Soviel zum Thema roots.
Ach nein, geht leider nicht, denn dieses Visions-Zitat muss auch noch sein:
"Die Screaming Trees und Mudhoney waren zwar ebenfalls herausragend und prägend, aber kommerziell bereits weit weniger erfolgreich". Das ist also der interessante Punkt: Kommerziell muss es sein.
Vor allem liest sich das so, als ob die beiden Bands nach Nirvana kamen- das Gegenteil ist richtig: Dass es sich mit Screaming Trees und Mudhoney (neben allen anderen Hardcore-Leuten) um die direkten Wegbereiter des Grunge-Sounds handelt, ohne deren mühevolle Vorarbeit in den späten 80ern weder Pearl Jam noch Nirvana Weltstars geworden wären, mit solch anstrengenden Überlegungen mag man sich bei Visions nicht das Gemüt beschweren. Dabei weist Mark Arm (Mudhoney) die Grunge-Pilger sogar noch direkt darauf hin:
"Der Goldrausch begann meiner Ansicht nach, als Soundgarden, Mother Love Bone und Alice In Chains von Major Companies unter Vertrag genommen wurden"
...und das war bereits Ende der 80er. aber die muss Chef-Schreiber Siepe ja zu einem (wortwörtlich!) "beschissen belanglosen Jahrzehnt" erklären. Nicht, dass dort etwa fast alles erfunden wurde, was heute als aktuelle Musik angesehen wird- aber da war er wohl auf Klassenfahrt ;-) oder im Konfirmanden-Unterricht, denn Visions serviert auch 10 Jahre nach dem Mega-Hype nur halbreligiöse Mythen in Tüten: Grunge-Mythos I.

Anderer Meinung?