[Grunge]

Mythos III: Seattle

Wer sich für unkommerziell-popeligen Underground nicht die Bohne interessiert und nur dann in die Hände klatscht, wenn mal wieder eine "Massenbewegung" (O-Ton Visions-Schreiber Siepe) vom Himmel fällt, dem bleiben nur noch lustige Rätseleien über Gründe, warum Seattle nun so "groß" geworden sei (die Stadt hat übrigens nicht mehr Einwohner als Hannover): Angeblich, weil die Kids dort wegen des schlechten Wetters nix machen können außer proben...
Und warum gibt's dann nicht immer noch Legionen von Rockstars aus Seattle? Eben. So wird mal wieder ein Witz genervter Musiker, die sich dumme Presse-Fragen vom Leibe halten wollen zur Nachricht (bzw. er stirbt ums verrecken nicht aus). Wer darin unbedingt mehr sehen will, als einen Treppenwitz der Geschichte, kommt an der Tatsache nicht vorbei, dass über die gesamten 80er Jahre eine ganze Musiker-Generation mittels Hardcore & Crossover daran gearbeitet hatte, die Ohren des Publikums für härtere Rock-Sounds zu öffnen. Dass dies in Seattle auf fruchtbaren Boden fiel, ist ebenfalls nichts besonderes. Besonders ist schon eher, dass hier erstmals erfolgreich "Hinterwäldlertum" in einen Standortvorteil umgemünzt wurde. Während in L.A. Black Flag nach 10 arbeitsreichen Jahren 1986 das zeitliche segneten, ging es in Seattle zu dem Zeitpunkt gerade erst langsam los. Und weil Crossover den alten Punk-Dogmatismus schon fast abgeschafft hatte, machte sich auch außerhalb kaum noch wer darüber lustig, dass die Landeier nun mal alle große Fans einer Altherrenmannschaft namens AC/DC waren.
Vielleicht ist sogar noch entscheidender könnte der Umstand sein, dass Seattle in aller Abgeschiedenheit trotzdem groß genug ist, um eine eigene Infrastruktur aus Clubs und Labels zu entwickeln, die lokale Bands von Massenmarkt-Trends unabhängig macht. Das ist übrigens bis heute so, aber sowas interessiert Visions-Leute ja nicht. Wer mal auf die nette Seite namens Three Imaginary Girls schaut, wird merken, dass da anscheinend vieles geht- vielleicht gerade weil die Hochglanz-Mags schon lange weg sind.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann rocken sie noch heute ;-)

Die Moral von der Geschicht: Es ist anscheinend durchaus möglich, *je nun* "großes" zu schaffen, wenn man nicht besinnungslos irgendwelchen Massentrends hinterher hechelt.
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