Grunge als Mysterium?

Im Frühjahr 04 dräute der 10. Jahrestag eines tragischen (Grunge-)Krankheitsfalles namens Kurt C. und machte wieder unangenehm deutlich, wie Massenmarkt-Effekte, die im Medienzeitalter so gern im Kielwasser neuer musikalischer Entwicklungen wie Grunge entstehen, den nichtsahnenden Fan ansatzlos ins Mittelalter zurück katapultieren: Die oft genug wortwörtliche Heiligsprechung von Profeten (hier macht die Rechtschreibreform mal richtig Sinn ;-) und Märtyrern könnte dem Papst die Freundentränen in die Augen treiben...

Nicht nur Grunge...

Grungeist ja nur ein Beispiel- die Ursache ist immer die gleiche: Fehlende Informationen. Bezeichnend ist, dass die über die 90er breit ausdifferenzierten Massenmedien der Musik-Branche zwar hyper-nervös jeden offenen Schnürsenkel ihrer austauschbaren Stars zu einer Nachricht oder gar zum Trend hoch-jazzen, aber höchstens ausnahmsweise mal in der Lage sind, Hintergrund-Infos bereit zu stellen. Schlimmer noch: Oft genug wollen sie das auch gar nicht (du kannst hier durchaus mal wieder über den kapitalistischen Produktionsprozess sinnieren... ;-)

Grunge-Protoplasma

Ich finde doch immer wieder faszinierend, wie viele ansonsten durchaus schlaue Leute meinen, dass Grunge Anfang der 90er quasi als Naturwunder ansatzlos vom Himmel gefallen sei. Ok, dass es "irgendwie Punk" war ist ja deutlich genug. Aber dass der Mega-Hype nur möglich wurde, weil er auf einem kompletten Jahrzehnt intensiver Vorarbeit aufbauen konnte, ist anscheinend im Dunkel verschwunden, als die Massenmedien ihre Blitzlichter auf eine kleine Grunge-Kapelle mit buddhistischem Namen richteten.
Dabei kochte die Ursuppe über die 80er in einem ziemlich großen Topf: Die Crossover-Strategie des US-Hardcore hatte die Punk-Basis schließlich so weit geöffnet, dass Hardrock problemlos als Grunge-Protoplasma nutzbar wurde. nutzbar wurde. Mit solchen eigentlich nicht allzu komplizierten Fakten kann man anscheinend nach wie vor viele Durchschnittskonsumenten in schieres Erstaunen versetzen...
...wo noch nicht mal die "Fachpresse" bescheid weiß, scheint es mir nun doch geboten, wenigstens von hieraus versuchsweise die Szenerie zu beleuchten:
+ Grunge killed Metal? Realsatire diesmal von Rock Hard ;-)

Übrigens...

Das Wort Grunge

Für die Freunde akademischer Gründlichkeit hier noch eine Begriffsklärung- bzw. ein Problemfeld: Eine verbreitete Ansicht zum Ursprung der Gattung ist, dass Grunge ein "sound-word" ist, was eine phonetische Annäherung an den Gitarren-Sound liefern soll. Grunge als Substantiv scheint es laut Wörterbuch im amerikanischen nicht zu geben, dafür aber im Slang "grungy"- laut leo für "schäbig, dreckig, schmutzig".
Unklar ist auch, wann dieses Wort erstmals auf Musik angewandt wurde. Irgendwo im Netz las ich mal, dass es bereits in den späten 60ern für Iggy & The Stooges verwendet wurde- was ja passen könnte (leider habe ich aber keinen Link dazu- falls irgendwer einen hat: Gib Schub! ;-) aber für unsere Freunde hier ist das klar: Sub Pop's Bruce Pavitt beschrieb wohl anno 87 Green River so. Was keine Legende zu sein scheint...

Anderer Meinung?