Weil ich vor einiger Zeit den richtigen Reflex hatte, dies nicht nur zu bookmarken, sondern direkt zu speichern, bin ich nun hochzufrieden, ein (wie ich finde) wichtiges Dokument vor Untergang und Vergessen gerettet zu haben. Zuerst veröffentlicht vom einst recht bekannten Harakiri-Fanzine (#10) und ist dort mittlerweile leider offline. Es stammt aus der spitzen Feder von Rembert Stiewe, seines Zeichens Mitinhaber des Glitterhouse-Labels aus dem schönen Weserbergland, das seinerzeit nichts weniger als den gesamten Europa-Vertrieb für Sub Pop innehatte (und ganz nebenbei mittlerweile sein zwanzigstes Jubiläum hinter sich hat).
Finde ich deswegen besonders wertvoll, weil es eine realistische Innenansicht des Hypes liefert, Infos aus erster Hand bringt, die sonst keiner haben kann und damit obendrein dem ganzen Legenden-Quark ein gerüttelt maß an Heiterkeit entgegenhält (allein die zweckmäßige Art und Weise, den Nachwuchs über das Wesen der Rockstars aufzuklären, finde ich sehr erhaltenswert ;-)
Lehrreich & lustig, besser kann es kaum sein- ein Blick zurück aus dem Jahre 99, wenn ich das richtig sehe.

Aufstieg und Fall von:


Sub Pop

Das ist alles lange her. Der Makroblick, jajaja. Die Sub Pop-Story selbst, zumindest die europäische, ist mittlerweile als abgeschlossen zu bezeichnen. Ein Wimpernschlag in der Geschichte des, äh, Rock, des Pop, des Unterhaltungsuniversums. Für diejenigen, die damals vor lass-mich-nicht-lügen Jahren mitten in ihrer Adoleszenz waren, war es natürlich mehr. Daher sind, außer der Möglichkeit zur Binnenbewertung bestimmter wirtschaftlicher und kultureller Phänomene, auch viele emotional codierte Handlungsstränge nachzuverfolgen. Man denkt daran zurück, wie man an verflossene Lieben zurückdenkt - voller Sentiment, voller angenehmer Erinnerungen. Aber auch mit galligem Unterton.

Irgendwann war die Party vorbei, und man erwachte leicht verkatert. Wie sagt der große Tilman Rossmy: "Das Wesen der Attraktion ist die Enttäuschung." Wie wahr.

Die Geschichte des Aufstiegs der kleinen Plattenküche aus Seattle ist hinreichend dokumentiert - auch wenn viele Berichterstatter den Kern der Sache nicht trafen. Die Geschichte des Niedergangs von Sub Pop als dem epochalen, partiell sinnstiftenden Label der späten Achtziger und frühen Neunziger wurde nie geschrieben - und wird auch hier nur angerissen. Ist auch unzweifelhaft nicht so überaus interessant, weder für Zeitgeistmagazine noch für Gesinnungspolizisten. Diejenigen, die früher massenweise Platten von Mudhoney, Tad und natürlich Nirvana kauften, tanzen heute auf ganz anderen Hochzeiten. Die Kids, die sich jetzt "Bleach" zum Crash-Price zulegen, haben einen anderen Zugang zu Kurt Cobain als diejenigen, die vor zehn Jahren plötzlich begannen, ihre Jeans zu zerreißen.

Was aber beeindruckt, ist nach wie vor die Verselbständigung eines so nie ausgerufenen Trends. Die frühere Maxime "from the local ghetto for the global ghetto" wich irgendwann dem eher defätistischen, wenn auch trotzigen "Hier sind wir. Für jeden der es mag." Mein Sohn hat während einer Klassenfahrt mal beiläufig fallenlassen, dass sein Vater den Cobain flüchtig kannte. Da haben seine Klassenkameraden natürlich herzlich gelacht, ihn selbstredend "Angeber" geschimpft. Das fand mein Sohn blöd, schließlich war es ihm durchaus offensichtlich, dass späterer Starrummel aus kleinen, unauffälligen Wurzeln sprießen kann.

"Sohn", habe ich ihm gesagt, "da kann man nichts machen. Der Mann war und ist ein Star. Ein Megastar sogar. Und Stars kennt man nicht. Mit denen spricht man nicht. Über die liest man nur." Dies nur nebenbei, aber was sagt uns das? Dass Sub Pop endgültig vorbei ist. Im Sinne von Motown, Stax, SST. Im besten Falle mehr oder weniger ab und zu noch da, aber im öffentlichen Bewusstsein selbstredend nicht mehr der hippe, nicht als solcher konzipierte, aber zu solchem gewordene Markenartikel. Einfach irgendein Label mit irgendeiner Geschichte.

Speziell in Europa wurde dieser kognitive Niedergang durch einige labelpolitische wie strukturelle Entscheidungen beschleunigt - Sub Pop hat Europa vergessen. Und umgekehrt. Die Pointe ist, daß 1998 bilanztechnisch das dritterfolgreichste Jahr in der Firmengeschichte war. Was kümmert da den Controller diese komische, ferne alte Welt. Warner verbimmelt eben in den USA Backkataloge wie blöde. Soundgarden, Nirvana - sowas läuft immer. In hiesigen Breiten in letzter Zeit vermehrt gestreute und in auflagenstarken Magazinen als News verbreitete Gerüchte um den angeblich unmittelbar bevorstehenden Konkurs Sub Pops entbehren daher jeder Grundlage - soweit man in heutigen Zeiten, in denen das Brot sowohl der Indies, als auch der Majors ein hartes ist, von "jeder Grundlage" als ausschließendem Faktor sprechen kann. Speziell wenn man die "untrüglichen Anzeichen" näher betrachtet, die zur Entstehung des gossips beitrugen: Schließung der Außenbüros in London und Boston. Lachmichtot. Das London-Büro wurde bereits 1996 geschlossen, Boston und Toronto kurze Zeit später. Der Grund liegt auf der Hand: Der Deal, den Warner mit Sub Pop Ende 1994 schloss, beinhaltete auch, dass Herstellung, Vertrieb und Marketing weltweit in den Händen der jeweiligen Warner-Töchter lagen, dass also außerhalb der USA (wo Sub Pop Seattle nach wie vor für Marketing und Talententwicklung zuständig ist, die Warner-Tochter ADA lediglich für den Vertrieb) Sub Pops Präsenz durch eigenständige Außenstellen obsolet war. Darauf, dass man durch diese strategische Entscheidung ein Gutteil eigener Identität, Identifikation, Ideen und spezifischer Marktkenntnisse aufgab, kam man erst sehr viel später. Da hilft dann auch nicht mehr, daß Jonathan Poneman und Bruce Pavitt, Gründer und Besitzer Sub Pops, mit 51% die Mehrheit an den Firmenanteilen behielten. Nur eine Facette des Niedergangs, aber eine nicht unbedeutende. Ich verliere den Faden, daher zurück zum Anfang.

Früher war alles Gold: Man veröffentlicht Green River, Mudhoney, Tad, Blood Circus. Und hat plötzlich Titelseiten in den britischen Weeklies. Einfach so. Damals bedurfte es keiner Marketing-Planung, Anzeigenschaltung war unnötig. Man presste Platten und die europäischen Märkte sogen sie auf. Dreitausend hierhin 20.000 dorthin - das macht Spaß. Damals stand noch "Glitterhouse Records - under exclusive licence of Sub Pop" auf dem Cover. Nichtmal das so prägnante Sub Pop-Logo fand Verwendung. Wir sind übrigens die, die nie Nirvana hatten. Leider. Irgendein Blödmann aus England, der sich in Kalifornien niedergelassen hatte, nach Seattle fuhr, dort auf dicke Fettleber machte und damit angab, in Großbritannien, bekanntermaßen für alle Amis der Nabel europäischen Musikschaffens, ganz doll im Geschäft zu sein, machte das Rennen. Angeblich soll er, zu Zeiten als Nirvana noch bei Blood Circus das Vorprogramm bestritten, auf dem Sims eines offenen Fensters im damaligen Sub Pop Headquarter knieend, damit gedroht haben, sich hinunterzustürzen, falls er nicht Nirvana für Europa lizensieren dürfe. Das Label hieß Tupelo und der Mann hatte einen guten Geschmack und einen guten Sinn fürs Geschäft obendrein. Poneman und Pavitt wollten kein Menschenleben auf dem Gewissen haben. Knapp zwei Jahre später standen sie dem Typen erneut gegenüber, diesmal vor Gericht - Zahlungsmoral war seine Stärke nicht. Statt Nirvana hatten wir Cat Butt, statt Soundgarden Swallow. Kannte keine Sau. Egal. Des Menschen Wunschdenken ist sein Himmelreich.

Irgendwann hatten wir mal die Idee, auf ein handelsübliches T-Shirt und eher sportive Shorts "Grunge-Wear" drucken zu lassen. Nicht, dass sich die Teile so unheimlich gut verkauften, aber auf einmal rief die Berliner Redaktion eines mit identischem redaktionellen Mantelteil bundesweit erscheinenden, sich als hip gerierenden Stadtmagazins an, was es denn mit diesem "Grunge-Wear" auf sich hätte, sie bräuchten da unbedingt ein paar Klamotten, drei Models seien schon gebucht und vier oder fünf Seiten in der nächsten Ausgabe reserviert. Unsere erste Modestrecke. Und das ohne Mode.

Was also machen? Niemand wird das jetzt glauben, aber ich schwöre, dass es so war: Lutz, ein Nordhesse, wie er im Buche steht, erinnerte sich an die zwei Säcke für die Caritas-Kleidersammlung, die er im Auftrag Tante Hedwigs hatte abliefern sollen, aber seit Wochen in seinem Kadett spazierenfuhr. Er war noch nicht dazu gekommen, selbst nochmal durch die abgelegten Klamotten zu stöbern, vielleicht hätte da ja noch ein Schnäppchen drin sein können. So ist er, der Lutz. Egal - jetzt wurden die Sachen gebraucht. Und da waren zwei prima kunstfaserne Hosen drin, eine in beige und eine in blau. Konnte man super abschneiden bzw. -reißen. Auch die Ärmel diverser Hemden mußten dran glauben. Wir lachten uns halbtot, als Petra, unsere gute Seele, dann noch flugs Sub Pop-Logos aufnähte. Ich meine - hey - die role-models des Grunge waren vierfarbig in allen Gazetten zu bestaunen, ein Drittel der Weltbevölkerung trug bereits zerissene Hosen mit langen Unterhosen darunter, dazu Flanell in alt und schulterlanges Haar, bedingt ungewaschen.

Und diese Simpel engagieren Models, um im Weserbergland handzerissene Lumpen vorzuführen. Irgendwann gab es dann das komplette Grunger-Outfit von Gucci, glaube ich. Das war Sub Pop: Eigentlich alles nur ein Spaß, der sich irgendwann verselbständigte. Wie meinte Bruce Pavitt einst: "Es fällt uns sehr schwer, mit Leuten zu arbeiten, die keinen Humor haben. Wie kann man denn Entertainment ernst nehmen?!?" Es wird dann ernst, wenn Europas größtes Versandhaus für seine Sportswear-Reihe plötzlich dein Logo abkupfert, wenn John Bongiovi von seinem Vater, dem Friseur, plötzlich "so eine Frisur wie dieser Typ von Nirvana" haben will und wenn der ganze Spuk dann schließlich vorbei ist.

Schade ist, dass sich Sub Pop, auch aus europäischer Perspektive, eigentlich künstlerisch gesund entwickelte. Vom Grunge-Phänomen selbst überrollt, änderte man die Signing-Politik. Die frühere, enggefasste Identität, die sich in regional begrenzter Herkunft der Bands, Kleidung, Covergestaltung, identischen Aufnahmestudios, im Image generell manifestierte, wich einer "anything goes"-Signing-Politik, die nur den eigenen Maximen gehorchte, keinesfalls aber einfach zu vermarktenden Sub-Trends. Was etwa hatten Reverend Horton Heat, Green Magnet School, Codeine, Les Thugs, Red Red Meat, Pigeonhed, Supersnazz, Big Chief oder die Afghan Whigs gemeinsam? Wenig bis nichts. Und die Pop-Hoffnungen im Lande Sub Pop? Oh je. Allesamt wirtschaftliche Rohrkrepierer. Speziell in Europa.

Sunny Day Real Estate waren zwar groß im Kommen, aber zu spät dran - und just als der Hype nach Europa schwappen sollte, fand Jeremy Enigk, Mastermind der Band,... Jesus. Zwei weitere Bandmitglieder fanden Dave Grohl und waren fortan die Rhythmusgruppe der Foo Fighters. Enigk machte dann eine introvertiert-krude Soloplatte, die selbstverständlich von Sub Pop promotet wurde, als sei er der Retter des Pop-Universums - allein die Verkäufe dümpelten, fast ebenso selbstverständlich, in sehr flachen Pfützen. Neulich gab es dann auch noch eine Sunny Day Real Estate Reunion, aber das interessiert natürlich kein Schwein mehr.

Velocity Girl sollten auch mal in die Charts. Gar keine schlechte Idee, die Zeit war reif für ein süßes Mädchen, das so schmachtend und kieksend und beschützerinstinktweckend gurren konnte, dass die sie musikalisch begleitenden Nerds gehörig damit zu tun hatten, ihre Hosen auf der Bühne nicht zu sehr auszubeulen und darüber hinaus weiterhin so dreinzuschauen, als gäbe es einen Preis für Nettigkeit, Brillen, adrette Kurzhaarfrisuren und fast schon Calvin Johnson-artige political correctness. Jajaja, große Pläne. In den USA steckten die Verkäufe dann irgendwo bei 30.000 fest, in Europa eher bei einem Zehntel davon. Schliesslich kann man in Großbritannien die Straße mit solchen Combos pflastern, warum sollte ein Limey also den gleichen Stoff aus New England kaufen. Und dann läßt sich das Mädchen auch noch vom Schlagzeuger der Foo Fighters schwängern (siehe oben). Soll Liebe sein - aber wie soll man an der Karriere noch weiter schrauben?

Noch so'ne ganz große Kiste: jale. Vier kanadische Frauen, die, wie es allerorten zu lesen stand, "mindestens charmant" über ihre teilweise offensichtlichen handwerklichen Limitierungen hinwegsüßholzten. Hatten zweimal "Single der Woche" in den englischen Weeklies - das ist schon prima, da fangen dann alle englischen Ketten an, wie blöde das kommende Album vorzubestellen. Und als das Album dann erschien, einigte man sich im Melody Maker und N.M.E. darauf, dass das ja an sich nichts tauge, so'n Album von jale, die wären doch eigentlich 'ne Singles-Band. Wir bekamen dann im Laufe der nächsten sechs Monate so ungefähr viertausend LPs und 3500 CDs aus britischen Läden zurück. Die haben wir dann irgendwann schreddern lassen und im Garten verbuddelt, damit es wenigstens die GEMA-Kohle zurückgab.

Ach ja, England. Da hatten wir als Sub Pop Media GmbH, meines Wissens nach als erste deutsche Indie-Klitsche überhaupt, auch mal ein Büro. Denn in London, hieß es, müsse man vor Ort sein. Da müsse man Flagge zeigen, ein Brite nehme nämlich ohnehin kein amerikanisches Label ernst, schon gar nicht, wenn dieses seine europäische home-base auf dem Festland ("continent", wie der Brite sagt) und erst recht nicht in Deutschland hat. Hätte uns eigentlich egal sein können, schließlich waren die Verkäufe allüberall auf diesem "kontinentalen" Festland mehr als nur respektabel.

Aber der Amerikaner, manchmal ganz die ungebildete Krämerseele, die mit den Augen aufs Große schaut und dabei immer noch lieber in Kauf nimmt, in London für ein verwanztes Hotel paar hundert Pfund pro Nacht zu berappen, weil er der Landessprache mächtig ist, als in sagen wir mal Rom zu entdecken, dass es dort die Seattle Weekly nicht zu kaufen gibt, der in diesem Punkte dumpf dimpelnde Ami also meint, dass ja England DER europäische Markt sei.

Geh mir weg! Taten sie dann ja auch irgendwann, weggehen meine ich. Nachdem die Sub Pop Media GmbH, einst, d.h. genaugenommen erst nach Sub Pops Blütezeit, als transatlantisches Bündnis gegen feindliche Übernahmen durch Multis gegründet, mehr und mehr in Schieflage geriet und gleichzeitig in den Staaten die Gebrüder Warner mit ganz dicken Scheckbüchern wedelten, konnten Poneman und Pavitt irgendwann schlicht nicht mehr widerstehen.

Jahrelang hatten sie jede noch so utopisch hohe Offerte supercool und ur-loyal mit "Nee, lasst mal Jungs, wir spielen das Ding nach unseren Regeln und dazu gehören die Brüder in Beverungen. Wir verkaufen nicht!" gekontert. Und es hatte da einige Angebote gegeben ("Denkt einfach an die größte vorstellbare Summe. Und dann verdoppelt sie einfach!" - überlieferter O-Ton), die wirklich schon unanständig waren. Weit jenseits jeglicher Sozialneid-Grenzen. Man muss sich vorstellen, dass wir, bevor die GmbH gegründet wurde (weiß gar nicht mehr, wann das war - schätze so ca. '92) keinerlei schriftliche Verträge hatten. Oh ja, dunnemals, welch güldene Indie-Zeiten, als Worte unter Ehrenmännern noch etwas galten...

Nun, irgendwann realisierte man hüben wie drüben, dass die letzten beiden Jahre ('93/'94) auf europäischer Seite wirklich kein Spaß waren. Wie erwähnt: Ohne Nirvana, auch ohne Soundgarden-Backkatalog. Und wenn sich schon die Ertragslage niederschmetternd darstellt, sollte zumindest für Vergnügen gesorgt sein, nicht wahr?

Der Stern des Labels begann bereits zu sinken, als das erneute Kaufangebot kam. Poneman und Pavitt, immer die Nase im Wind, verkauften gerade noch rechtzeitig einen ganzen Batzen Mythos für einen ganzen Batzen Geld. Blieben dadurch einstweilen unabhängiger denn je, konnten ihre Entscheidungen treffen wie immer. Im schlechtesten Fall würde Sub Pop ein prestigeträchtiges Abschreibungsobjekt von Warner Bros. werden. Irgendwann ging es dann aber doch hoch her: Interne Zwistigkeiten, Köpfe rollten, diverse Signings hoben nicht wie gewollt ab. Und plötzlich schickt der Major letztendlich doch ein paar Controller - und die hatten 'ne Menge zu kontrollieren. Noch mehr Köpfe rollten, man rückte wie verrückt Stühle und plötzlich war Pavitt (eher aus eigenem Antrieb) ganz draußen, Poneman zum "Head of A&R" lanciert. Rich Jensen, ehedem "Head Of Finances" wurde Geschäftsführer, Dave Rosencrans, jahrelang wichtiger Drahtzieher und Koordinator des internationalen Geschäfts, kündigte aus freien Stücken.

Hurra, ab heute wird verwaltet. Tjä. Und in Europa merkten die einzelnen Warner-Satelliten so langsam, dass Sub Pop als Marke im Handel kein Selbstgänger mehr war. Doch alles bisschen schwieriger als erwartet, scheiße. Erst wurden diverse Budgetbremsen getreten, dann wurde das übliche Cherrypicking betrieben: Da kann es dann schon mal passieren, dass ein Supersuckers-Album zwar in Deutschland als "domestic product" veröffentlicht wird, in Dänemark, Spanien und Holland aber lediglich vom zuständigen Warner-Importdienst in winzigen Stückzahlen vertrieben wird. Oder dass die Scud Mountain Boys überhaupt nicht in Europa veröffentlicht werden. Oder, oder, oder.

Meines Wissens und meiner löchrigen Erinnerung nach hat nach dem Wechsel zu Warner keine einzige Sub Pop Band mehr das europäische Festland betourt. Eigentlich unglaublich. Aber sehr wohl logisch. Hätte man im Hause Warner noch viel auf das Label gegeben, wären Tourneen als adäquate Marketingmittel nicht nur naheliegend, sondern zwingend notwendig gewesen. Schließlich bestand das Gros des Sub Pop Rosters noch immer aus Bands, deren Live-Bambule gehörigen Anteil an ihrem Image hatte. Aber Tourneen kosten, neben Geld, Manpower. Und ein Product Manager in irgendeinem Warner Büro geht natürlich viel lieber mit jemandem opulent essen, der des PMs eigene, nationalen Signings protegiert, als mit jemandem, der u.U. Interesse an Pigeonhed haben könnte.

Das Label, das jahrelang auch in Europa trotz aller Cleverness ein doch sehr charmantes Profil aufwies, zerfaserte, zersplitterte, wurde zerlegt, zertreten und vergessen. In der künstlerisch schwersten Krise der Firmengeschichte, die dummerweise zeitlich auch noch in die beginnende Baisse der Unterhaltungsindustrie fiel, wurde ein wirtschaftlicher Notanker geworfen, der zwar das Überleben des Labels sicherte, den europäischen Arm aber dem sicheren Tode weihte. Dass es so schnell gehen würde, bis der Name Sub Pop aus dem Bewusstsein des allgemein Musikinteressierten gelöscht war, konnte allerdings niemand ahnen.

Heutzutage hat Warner nicht einmal mehr eine Option auf die europäischen Veröffentlichungsrechte. Jede Veröffentlichung kann einzeln nach Europa lizensiert werden. So kommt dann Mark Lanegan bei Beggar's Banquet/P.I.A.S., Sebadoh bei sonstwem und der Rest in Europa wahrscheinlich überhaupt nicht. Sie haben Europa tatsächlich vergessen. Und das, obwohl wir früher gezwungen waren, jeden lauwarmen Furz ihres jeweils gerade liebsten Signings am besten in drei verschiedenen Formaten in allen europäischen Märkten zu veröffentlichen.

Ein Grund für die eingangs erwähnten galligen Untertöne bzgl. der Trennung - der zweite ist eher unterschwelliger Art. Ich werde den Tag nicht vergessen, an dem wir von der Entscheidung erfuhren. Poneman und Pavitt kamen nicht selber, sondern schickten Rosencrans. Der arme Kerl konnte nichts dazu, aber wir fielen natürlich erstens aus allen Wolken und waren zweitens stinksauer. Schließlich blieben wir im wirtschaftlichen Schlamassel stecken, während sich diese beiden amerikanischen Tunichtgute jetzt Inseln im Südpazifik hätten kaufen können. Und: Alle Welt wusste es vor uns. Schweinerei! Tiefe Betroffenheit, Wut, der ganze menschliche Zinnober. Nicht, dass ihre Entscheidung nicht nachzuvollziehen gewesen wäre. Aber, verdammt noch mal...

Alles einerlei. Die Dönekes und Anekdoten bleiben schließlich haften. Was im Nachhinein zählt, ist, dass Sub Pop das so ziemlich unterhaltsamste, schärfste und hipste Ding seit Menschengedenken war. Teil daran zu haben und Teil davon zu sein, war großartig, erfüllend, aufregend, verwirrend und anstrengend. Es war das Größte. Mindestens.

Rembert Stiewe, Glitterhouse Records


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