[SST]

Black Flag

(Not really) Damaged...

Damaged war nicht die erste Scheibe von Black Flag, aber es gelang ihnen damit, die zu dem Zeitpunkt fast verloren geglaubten Ideale von Punk mit neuer Energie zu versorgen. Ohne großen Industrie-Deal ein Welterfolg- auch wenn sie Independent nicht erfunden haben, war dies in jeder Hinsicht ein Startschuss für vieles folgende und machte Black Flag zusammen mit den Dead Kennedys zur zentralen Institution im US-Hardcore der ersten Hälfte der 80er. Damaged lieferte die finanzielle Basis um Welten zu erkunden, die noch nie ein Mensch zuvor gehört hatte ;-) Denn von den Plattenbossen der Großindustrie wollte damals natürlich niemand sowas zur Kenntnis nehmen. Von daher gab es, wie überall sonst auf der Welt, zu dieser zeit keine Alternative dazu, Independent zu bleiben und ein eigenes Label zu gründen.
Personell bestanden Black Flag zu dieser Zeit bereits mit wechselnden Ergänzungen aus der zentralen Achse Greg Ginn- Chuck Dukovsky- Henry Rollins (der sich bekanntlich etwas später eigenen Ruhm erworben hat ;-). Letzterer kam übrigens wie die Bad Brains aus der Gegend von Washington D.C. und war eng befreundet mit Ian Mckaye, der aus den gleichen Gründen für seine Teenage-Punk-Combo Minor Threat in jenen Tagen das Dischord-Label gründete, das in den folgenden Jahren besonders durch seine spätere Band Fugazi lange zum Synonym für Emo-Core wurde (auch so eine Geschichte, über die ich zu wenig weiß, um was Vernünftiges drüber zu schreiben- also: Wer hier Infos hat, immer her damit- ein paar Eckdaten sind schon ein guter Anfang!)
Ginn und Dukovsky nahmen die Label-Arbeit von L.A. aus in die Hände und spannten natürlich die Band-Kollegen mit ein, die alle zusammen im SST-Büro unter den Schreibtischen hausten. "Jetzt lernte ich, was wirklich harte Arbeit war" vermerkt Rollins dazu in seinem höchst lesenswerten Tourtagebuch, das er später unter dem Titel "Get in the van" im eigenen Verlag veröffentlicht hat (wer sich für eine Innenansicht der damaligen Szene interessiert: Pflichtprogramm!). Wenn sie nicht auf Tour waren, ackerten also alle wie die Wilden rund um die Uhr mit gnadenlosem Basis-Marketing (Flyer, Plakate), lebten von der Hand im Mund und schafften es erstaunlicherweise tatsächlich, sich auf diese weise allesamt durchzuschlagen.
Mehr als das: Black Flag erlangten alsbald Kultstatus, so dass etwas Geld übrig blieb. Nahe liegend, damit befreundeten Bands zu Veröffentlichungen zu verhelfen. Das waren zunächst vor allem die benachbarten Minutemen aus L.A.'s Vorstadt San Pedro, die mit ihrer radikalen Abkehr von traditionellen Punk-Strukturen und der Offenheit, bislang unvereinbare Stilrichtungen wie Funk und Jazz zu verarbeiten, ein entscheidendes Grundmuster für die kommende Entwicklung lieferten. Vorerst wurde dieser Ansatz allerdings besonders in Europa von den Fanatikern schlicht als "Verrat" gebrandmarkt und die Band nicht selten ausgebuht oder gar verprügelt (harte Zeiten, das... ;-)
Das änderte nichts am großen Einfluss, den diese Grenzüberschreitung auf die Forschungen von Black Flags stilistischem Mastermind Greg Ginn ausübten. Nicht genug damit, dass er selbst nun anfing, immer neue Einflüsse zu integrieren, er brachte auch auf SST Sachen wie Saccharine Trust raus, die in noch entlegeneren Gegenden unterwegs waren, als die Minutemen, die daneben fast poppig wirkten.
Ginns eigene Arbeiten mit Black Flag verabschiedeten sich nicht so radikal vom Ausgangspunkt und bewegten sich immer im Spannungsfeld von Punk, Metal und Hardrock. Er entwickelte allerdings schnell eine Meisterschaft darin, Hardcore mit (für damalige Verhältnisse) unerwarteten Elementen anzureichern, weshalb wir heutzutage bis auf Damaged sämtliche Black Flag-Scheiben problemlos unter "Alternative" einsortieren würden (was als Oberbegriff erst ca. 10 Jahre später von Marketing-Managern durchgesetzt wurde, denen Hardcore zu gefährlich nach Porno klang ;-).
Ein ähnliches Händchen hatten die SSTler für die grafische Gestaltung ihrer Veröffentlichungen, die Standards setzten, an denen sich über Jahre viele orientierten.
Das galt auch für ihre persönliche Erscheinung: Nicht zuletzt auch, um mit überkommen Punk-Dogmen zu brechen, fingen Black Flag bereits Mitte der 80er an, sich die Codes der "Punk-Feinde" zu greifen: Gesportet wurden Hippie-Matte und Flanellhemd- ein Sakrileg für viele Punks. Und erst Jahre später zentraler Dress-Code der Grunge-Fans.
Ihr sicheres Zukunftsgespür bewiesen Ginn und Dukovsky besonders beim erweitern des Label-Programms, wo sie mit fast schlafwandlerischer Sicherheit immer wieder diejenigen verpflichteten, die im Laufe der Zeit Berühmtheit erlangten und nicht nur bei SST zu Stars wurden...

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