[SST]

Rockstar 1.0

Auch wenn es damals für eine solche Bezeichnung Prügel gegeben hätte, war die weltweite Bekanntmachung neuer Bands eine Sache, die bei SST vom Start weg glückte. Und sowas nannte man dann auch alsbald wieder locker Rockstar- wir reden hier sozusagen von der Rückeroberung des Begriffs.
Die Stars bei SST waren in jenen Tagen, neben Black Flag selbst, die Meat Puppets, die anno 82 noch Hardcore-Punk erster Güte knüppelten und sich dann aber den langsameren Rock-Formaten widmeten. Anfangs mindestens so bekannt wie Black Flag, inzwischen fast vergessen (?) waren Hüsker Dü. Deren Vordenker Bob Mould besaß ein herausragendes Gefühl für Melodien und obendrein die Unverfrorenheit, zwischen Wutausbrüchen und Lärm zur akustischen Gitarre zu greifen und mit Piano-Begleitung klassische Songs zum besten zu geben, um die ihn Folkies beneidet hätten. Womit er wohl für mindestens eineinhalb Jahrzehnte vorweg nahm, was heute weithin als zeitgemäßer Rockstil gilt. Das katapultierte "Hüdü" alsbald aus dem Underground heraus- sie wurden die Ersten, die von der Großindustrie eingekauft wurden (und zerbrachen letztendlich daran).

Hardcore Inventions

Ebenfalls zu den frühen Mitstreitern zählten die Bad Brains, eine afro-amerikanische Punk-Band- damals wie heute eine ungewöhnliche Sache. Von der Generation her älter als die meisten Aktiven der Zeit, trieben sie den High-Speed-Punk mit dem 83er Klassiker "Rock for Light" mit unerreichter Gnadenlosigkeit auf neue Höhen. Außerdem brachte Sänger HR als überzeugter Rasta einigen karibischen Einfluss mit, so dass zwischendurch auch mal eine Reggae-Atempause eingestreut wurde. Die Bad Brains zählten auch mit ihrer Entschlossenheit zu den ersten, die eine direkte Annäherung von Hardcore an Metal bewerkstelligten. "I against I" von 86 ist ein Meilenstein dieser Entwicklung, dessen Sound allerdings aus heutiger Perspektive etwas dünn wirkt. Was man dem nachfolgenden Studio-Werk "Quickness" keineswegs nachsagen kann. Dem Titel zum trotz wurde die Geschwindigkeit zu Gunsten von Grooves gedrosselt und dem ganzen ein wall of sound verpasst, der anno 89 so einsam dastand, dass es Jahre dauerte, bis Kapellen wie Helmet aus Richtung Underground oder Pantera aus Richtung Mainstream-Metal in der Lage waren, noch was drauf zu setzen. Ich wage daher mal die Behauptung: Ohne Bad Brains kein Nu Metal.

Alternative(s)

Kein Witz: Die Alternatives waren eine SST-Band. Ich weiß allerdings nicht, ob ihr Name späterhin die Markt-Strategen dazu inspirierte, den über die 80er gebräuchlichen begriff Hardcore derartig neutral zu ersetzen.
Bereits lange vor der Ersetzung der Überschrift (um die Mitte der 80er) drehten immer mehr Leute die Geschwindigkeit runter ohne deswegen die Lautstärke aufzugeben. Damals vorneweg ein gewisser J. Mascis aus dem Kaff Madison/Wisconsin- the middle of nowhere. Der lärmte in Motorhead-Manier los, um dazu melancholische Melodien zu intonieren. Seinem Projekt gab er den passenden Namen Dinosaur Jr. klar, dass SST beherzt zugriff. Allerdings währte die Collabo nur eine veröffentlichung lang, danach zog es Mascis zu einer größeren Firma, die dann seinen 87er Welterfolg "Bug" rausbrachte. Damit hatte der Sound ein Level erreicht, das auch heute nicht viele schaffen und trug dazu bei, dass in den späten 80ern alle Welt "independent" für das heißeste Rock-Ding seit 67 hielt. Worauf dann Anfang der 90er alles zum Massenmarkt mutierte...

What the fuck is this? (Rockstar 1.1)

Ein ganz ähnlichen, wenn auch weniger lärmigen und dafür energetisch komprimierten Ansatz verfolgten die Screaming Trees aus (oho! ;-) Seattle, die sehr viel deutlicher dem Hardrock der 70er verpflichtet waren. Das wurde auch nach außen mit Hingabe betrieben: Die beiden schwergewichtigen Gitarren-Brüder pflegten die Bühne nach Vorbild eines 70er-Rockers (Nils Lofgren?) mit Trampolin zu bestücken und das staunende Publikum zum fetten Sound mit Salti zu erfreuen. Stets schwermütiger Frontmann: Mark Lanagan, heutzutage assoziiertes Mitglied der Queens Of The Stone Age (da wären wir wieder ;-) Die schreienden Baum-Herren machten Grunge Jahre bevor das Wort dafür erfunden war und die kommenden Protagonisten noch über die Pausenhöfe der Highschools tobten...
...und lieferten einen frühen Meilenstein ab: Buzz Oven von 1988- selbstverständlich auf SST.
Ähnlich früh von Ginn und Dukovsky gesichtet: Soundgarden, die erste Grunge-Band, die von der Industrie gesignt wurde (ohne SST wäre das nicht passiert...) Und damit den Massenmarkt für die Welle öffnete, die wenige Jahre später um den Planeten rauschen sollte. Sub Pop war da immer noch das Ding von ein paar Kids aus dem Nordwesten...

Rockstar 2.0

Mittlerweile schreiben wir das 86- Black Flag sind nicht mehr und "throat" Henry Rollins ist auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld. Am meisten beeindruckt hatten ihn damals die Erz-Hippies von Greg Ginns side-project Gone. Da die Leute offensichtlich genug Zeit hatten, noch was anderes anzufangen, während Ginn sich dem boomenden Label widmete, schlug die Geburtsstunde der Rollins Band. Waren Gone ein Hippie-Experiment (das damals das 70er-Recycling auf die Spitze trieb), legte Rollins nun einen gestählten Turbo drunter. Bis in die frühen 90er war die Kapelle brachialer Midtempo-Härte (und live-Lautstärke ;-) verpflichtet- auf diesem Planeten nicht zu überbieten, während sich der damals kahlgeschorene Brüller am Bühnenrand nur mit Shorts bekleidet als ganzkörpertätowiertes Muskelgebirge zur Schau stellte. Für ca. eine halbe Dekade tatsächlich ein monumentales Ereignis (und das eine ganze Zeit bevor sich Bankangestellte vormalige Biker-Insignien in die Haut brennen ließen ;-)
Auf diese weise schaffte es Rollins als einer der wenigen *je nun* 80er-Pioniere, in Zeiten der großen Grunge-Hysterie (rund um Nirvana in den frühen 90ern) mit End of Silence den Sprung aus der Subkultur in den Weltmarkt. Die Ironie des Schicksals, dass dies ausgerechnet der ehedem härteste Kritiker (s. "Get in the van") des Rock-Biz erreichte... dem schließlich nach langem Schweigen anno 2000 sogar noch ein respektabler Neustart durch Frischzellenkur mit der nicht ganz unbekannten Combo Mother Superior glückte.

Fine arts

Die nächste Großtat von SST war die Verpflichtung des New Yorker Art-Rock-Projektes von Kim Gordon und Thurston Moore: Sonic Youth, die seit ihren Anfängen ebenso lange im Geschäft waren wie Black Flag. Sie standen deren weltweitem Bekanntheitsgrad kaum nach- allerdings damals schon in einer anders gelagerten Szene. Eben mehr "indie", zum Ende der 80er war diese Abspaltung bereits deutlich. Diese Kooperation führte zu Daydream Nation- vielleicht dem Sonic Youth-Werk schlechthin und in Sachen Rocksound mindestens ein Jahrzehntwerk (leider kenne ich Geschichte und Entwicklung von Sonic Youth zu wenig, um mich hier ausführlicher drüber zu äußern, was der enormen Vorbild-Funktion dieser Band für die Szene der 80er in keinster Weise gerecht wird. Wenn irgendjemand von euch da draußen also Infos oder alte Zeitungs- oder besser Fanzine-Artikel hat- gib Schub! ;-)

Und neben solchen Monumenten halfen SST auch noch einigen "kleineren" Bands ans Licht der Öffentlichkeit- wobei zu bedenken ist, dass das, was SST fast nebenbei machte, bei anderen als Heldentat gefeiert worden wäre...

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