Aggro Berlin

Studio-Gangster?

Gibt es noch wen, der nicht weiß, wie der Aufstieg von Aggro Berlin vor sich ging? :-) Eigentlich alles so offensichtlich, dass sich kaum eine Fan-Page noch damit befasst. Da ist es nebenbei mal ganz interessant, dass anscheinend in erster Linie Leute dazu äußern, die ansonsten mit Hiphop wenig bis nichts zu tun haben:

Die ersten Sachen aus Richtung Aggro Berlin waren so überzogen, dass ich das eigentlich gar nicht ernst nehmen konnte und bis heute gibt es einige Gründe, das ganze Getöse in erster Linie als fettesten Jux zu betrachten, den die hiesige Hiphop-Community bislang gesehen hat. Moses Pelham dürfte sich köstlich amüsieren, denn um die Mitte der 90er war es genau sein Ding, mit dem Rödelheim Hartreim Projekt solche Ansagen zu machen. Prompt findet er sich "zu aggro für Berlin" (klar, wer Stefan Raab vor laufender Kamera eins reinhaut... ;-) Ansonsten pflegte man Freundschaft mit den Böhsen Onkelz- es scheint, als ob sich Aggro Berlin auch dort ein Scheibchen abgeschnitten hätte.

Aggro-Nation?

Der Nationalismus hier- naja: Derartige Klischee-Reiterei, dass es eigentlich nur sozialdemokratische Parlamentsbürokraten falsch verstehen konnten. Die dann der Presse prompt die Steilvorlage lieferten und Aggro Berlin einen kostenfreien Hype bescherten, den sie anderswie niemals so hingekriegt hätten. Das nenne ich Medienkompetenz und: Business as usual.
Auf politischer Ebene übrigens ein ganz anderer Schnack als das, was Mia im Rock-Sektor veranstaltet haben. Das war tatsächlich ein Versuch, mit einer strategisch durchgeplanten Aktion "Grundwerte" vom übelsten zu restaurieren.
Dagegen jongliert Fler aus recht durchsichtigen Provokationsgründen nur mal versuchsweise mit ein paar Symbolen. Und Backspin (06/05) stellt zu recht knapp fest, dass ein Blick auf Flers Umfeld ausreicht, um das richtig zu verstehen: Dort sind bekanntlich die Deutschen in der Minderheit. Ob das allerdings ein Grund sein sollte, ein derartiges Thema zu Marketingzwecken einzusetzen, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Aggro-Ghetto

Die ganze Welle um Fler bringt Backspin zu der Behauptung, dass dies die erste amerikanische Karriere der hiesigen Szene werden würde- Motto: Aus dem Ghetto nach ganz oben. Auch wenn sich die Situation in den hiesigen Vorstädten über die letzten Jahre klar verschlechtert hat, gibt es Gettos amerikanischer Prägung hier immer noch nicht (Berlin-Marzahn ist nunmal nicht die Bronx, auch wenn's manch einem gut ins Konzept passen würde). Da liegt es vielen Headz nicht zu unrecht quer im Magen, wenn der US-Gangstaizm hier so einfach nachgespielt wird.
Und selbst dort ist das bekanntlich oft genug nichts als Maskerade. So waren ja bereits NWA als Urheber des G-Funks der 90er mehrheitlich (oder gar allesamt?) Mittelklasse-Kids, die das L.A.-Ghetto Watts so gut kannten wie du und ich von hier.
Eine neutrale Beschreibung kommt von Techno-Originator Juan Atkins (in de:bug 04/05), der bei dem Thema auf niemanden Rücksicht nehmen muss: "Die Hälfte dieser Gruppen denkt sich ihre Geschichten aus... man nennt sie Studio-Gangster". (Wer's nicht weiß: Der Mann ist Afroamerikaner und ergänzt in diesem Interview auch gleich "Ich komme aus der Black Community, ich bin dort aufgewachsen und weiß, was da abgeht").
Nun gut- die Dinge lassen sich bei Bedarf natürlich so zurechtlegen, dass die amerikanischen Verhältnisse hier als Studio-Gangstaizm Einzug halten. Dafür gibt auch eine gute Zeugin ;-) Anlässlich des Roundtables zum Thema Frauen im Hiphop, den Clara Völker für de:bug (03/05) organisierte, gab Melbeatz zu Protokoll:
"Manche rappen jetzt so ghettomäßig und sind hier in Zehlendorf aufgewachsen, was das Manhattan von Berlin ist".

Aggro-Style

Stilistisch verleiten die stumpfen Ansagen aus Richtung Aggro Berlin anscheinend viele Headz dazu, die Sache einfach als "dumm" abzutun. Ein kalkuliertes Missverständnis, denn genau das sind sie nicht. Auch wenn ich das Aggro-Lästerboard ganz witzig finde (und eine Seite über die täglichen Beefs ist eine enorm nützliche Idee ;-) geht es an der Realität vorbei. Denn die geschliffene Presserklärung zu den Nazi-Vorwürfen gegen Fler zeigt mehr als deutlich, dass hier eben keine Prolls zugange sind, auch wenn diese die Stammkundschaft des Hauses bilden. Die zugehörige Disko auf rap.de liefert auch nochmal die richtige Einordnung.
Allerdings lässt sich ein Fazit ziehen: Nachdem Hiphop hierzulande mehrheitlich in der Hand von Leuten aus geregelten Verhältnissen und höherem Schulabschluss war, markiert der aktuelle Hype um Aggro Berlin den Durchbruch derjenigen, die es vorher nicht so glücklich getroffen hatten. Ich mag mich irren, aber ich habe das Gefühl, dass hier erstmals seit den frühen Punk-Zeiten wieder die Arbeiterklasse das Wort ergreift. Und das wäre tatsächlich ein Stück Normalität- zumindest im hiesigen Biz.
Womit ich allerdings nicht gesagt haben will, dass das nun bessere Zeiten wären.

(Und ganz am Rande zeigt Fler übrigens auch, dass der gemeine Fan heutzutage kaum noch weiß, was es mit der neuen deutschen Welle 1980 so auf sich hatte...)

Anderer Meinung?