Hiphop hierzulande

Zur Lage...

Seitdem Aggro Berlin Beef zur zentralen Marketing-Strategie gemacht hat, scheint die hiesige Hiphop-Welt irgendwie auf dem Kopf zu stehen. Zwar waren die Zeiten von Gemeinschaftsgeist und gegenseitigem Respekt schon länger vorbei, aber mittlerweile scheint es fast so, als ob der olle Adenauer Hiphop-Prophet gewesen wäre, als er einstmals steigerte: "Feind, Todfeind, Parteifreund".
Mag sein, dass meine Perspektive stark von der Entwicklung der späten 90er geprägt ist, als Hiphop in dieser Sprache einen friedlichen Boom hinlegte und sich alle zumindest für kleine eine Weile als Community fühlen konnten. Aber wie das im Leben so ist, solche Blasen platzen irgendwann (besonders die rosigen). Im Mai 2003 fragt ein desillusierter Tim Stüttgen in der Spex: "Wie erklärt es sich, dass die Momente in denen ich voller Liebe Tonträger aus hierzulande zu Hause auflegte, um sie meinen begeisterten Freunden zu zeigen, immer weniger werden? Was ist überhaupt passiert?"

rap.biz

Darauf hat die Ökonomie wohl die einfachste Antwort: Nach der Hyperinflation folgte die unweigerliche Rezession. Oder musikalischer formuliert: Auf den Sellout der übliche Katzenjammer, die Realität hatte die hiesige Szene wieder- oder besser gesagt den friedlich-freundlichen Teil davon, dem der Community-Gedanke wichtige war als Schlagzeilen. Ich denke, so muss das inzwischen wohl doch mal differenziert werden.
Passiert war, dass deutscher Hiphop auch im kommerziellen Sinn groß geworden war, nachdem sich die Szene über die 90er stetigen Wachstums erfreuen konnte. Auch in der übrigen Wirtschaft endet sowas irgendwann, aber hier wird der Effekt noch deutlich verstärkt durch die traditionell denkfaule Politik der Musikindustrie, bestenfalls Trends abzufischen, die von anderen gemacht wurden.
Möglich wurde dies in den hiesigen Landen, weil nach dem Abebben der ersten größeren Welle der frühen 90er ab ca. 1998 auf breiter Front ein Aufschwung stattfand, der deutschsprachigen Hiphop in die Massenmedien hievte.

Community & Sellout

Die Folge des unverhofften Booms waren 1-2 sonnige Jahre, aber mit Beginn des nächsten Jahrzehnts schlug das voll durch, was auch vorher schon jeder Szene passiert war: Die Scouts der Industrie zogen mit dem Scheckheft durch die Lande und kauften alles ein, was irgendwie nach Rap aussah. Das geht bekanntlich solange gut, bis es dem Charts-Publikum langweilig wird. Dennis von den Beginnern zog schon auf dem Höhepunkt der Entwicklung 2001 ein schonungsloses Fazit (das Interview hat rap.de leider vom Netz genommen):
"Die Philosophie von Hiphop in Deutschland ist abgedriftet Richtung CDU: Posen, nur noch Klischees, viel Konkurrenz, viel Image-Huberei, Ellbogen, faschistoide Kacke mit dem Versuch, andere fertig zu machen und mehr Macht zu kriegen, anstatt sich musikalisch frei zu bewegen und nur zu flashen, einfach abzustylen und ein freundliches Miteinander zu wahren."
Eißfeld: "Das ist das Schlimme, denn auf einmal hatte sich das, wovor man abhauen wollte, in die ganze Sache reingefressen."
Darauf folgten nochmal 1-2 Jahre, in denen es das eine oder andere One-Hit-Wonder zu sehen gab, aber 2003 kamen dann Abgesänge, wie die von der Spex oder von Dendemann, der im Dezember des Jahres der Juice zu Protokoll gab:
"Jetzt, von außen betrachtet, denkt man wieder, sowas wie eine Szene hat es nie gegeben. Das waren einfach nur 10 Bands, die Respekt vor einander hatten, innerhalb eines Jahres ihre Alben veröffentlicht haben und damit sehr erfolgreich waren."
Da spricht der Frust, aber 10 Crews sind auch nicht wenige- besonders für hiesige Verhältnisse. Und ganz so extrem war es wohl auch nicht. Die 10 Bands (5 Sterne, Beginner, Fischmob, Freundeskreis, Einszwo, Blumentopf, Kinderzimmer, ... you name it ;-) bildeten mit ihrem Umfeld eine eigene Szene, die in den späten 90ern vielleicht tatsächlich eine Mehrheit im inländischen Hiphop repräsentierte. Und die war von Respekt und Freundlichkeit geprägt, dass die Blumenkinder 30 Jahre vorher ihre Freude daran gehabt hätten.

Was heißt hier Ghetto?

Doch leider ist das Leben hinter dem Hiphop nicht ganz so nett. Die derzeitige Aggromanie lässt die Dinge in etwas anderem Licht erscheinen. Angesichts der Welle um Fler stellte Backspin (06/05) ganz richtig fest, dass die Welt da draußen eben nicht die der Beginner und auch nicht die des Freundeskreises (oder seiner Erben) ist. Und man könnte da noch so manche andere Studi-Crew ergänzen, für die Hiphop nur die spaßigste Wahl unter vielen Möglichkeiten ist und nicht die womöglich einzige Chance, wenn man in diesem Leben etwas mehr als bestenfalls einen Facharbeiterlohn verdienen will.
Tatsächlich ein neuer Aspekt in einer Szene, die bislang mehrheitlich von Mittelklasse-Kids geragen wurde. Aber so ghettomäßig, wie Backspin das darstellt, ist die Situation in den hiesigen Vorstädten dann wohl doch nicht. Von daher bringt Aggro Berlin schon eine Dosis Realität ins hiesige Biz, auch wenn sich die hiesigen Ghettos im internationalen Vergleich nach wie vor wie Laubenpieper-Kolonien ausnehmen. Deswegen ist Aggros derzeitige Lufthoheit über den Stammtischen eine durchaus notwendige Korrektur, würde ich sagen.
Der wieder aufgetauchte Nico Suave sieht es auch als Beleg für den Erfolg, dass durch die "Sub-Szenen" mittlerweile "für jeden was dabei" wäre. Vielleicht etwas zu optimistisch, aber es ist auf jeden Fall was dran. Nachdem das aktuelle Jahrzehnt mit einer Rezession begann, scheint das hiesige Biz inzwischen wieder gut ins Rollen zu kommen. So gesehen eigentlich kein schlechtes Zeichen, aber ob es nun unbedingt auf solche Weise rollen muss...

Tja- die schönen Utopien sind erstmal wieder ausgeträumt. Die bessere Welt kam nur kurz in Sichtweite- nun haben wir business as usual (im direkt amerikanischen Sinne). Was aber nicht heißt, dass die Utopien nun auf den Müll zu werfen wären, wie es die "Realpolitik" so gerne tut. Die bessere Welt bleibt möglich- fragt sich nur, in welchem Quadranten dieser Planet zu suchen ist... ;-)

Better days welcome
and if they don't come
I get up and make some.

(Jungle Brothers, Done By The Forces Of Nature, 1989)

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