Crossover-Feedback II

Nu Metal

Inzwischen auch schon länger her, dass das Etikett Nu Metal frisch war. Aber wenn man mal einen Blick in die entsprechende Diskussion bei der Wikipedia riskiert zeigt sich, dass die Debatten über Sinn und Unsinn dieser Begrifflichkeit auch nach fast 10 Jahren nicht wirklich erledigt sind- es darf weiter gestritten werden, was Nu Metal eigentlich aussagt und ob man es gebrauchen kann. Das hat tatsächlich Gründe, die in der Vorgeschichte liegen, als man den Nu Metal-Style schlicht Crossover nannte. Weil das Aufkommen dieser Bezeichnung eben keine Revolution markiert, ist der Zeitpunkt der Erstbenutzung mittlerweile in Vergessenheit geraten. Ganz grob dürfte sich das auf die Mitte der 90er datieren lassen.
Welcher Band das Etikett Nu Metal zuerst aufgeklebt wurde scheint schon etwas klarer: Es scheint sich entweder um Korn oder Limp Bizkit gehandelt zu haben. Schließlich nimmt Fred Durst noch 2004 für sich in Anspruch, anno 97 mit etwas "völlig Neuem" gekommen zu sein.
Also werfen wir mal einen Blick auf diese Neuigkeitswerte.

Nu Metal=Rap Metal?

Dass es sich bei Freds Sprüchen um Lautsprechertum handelt, dürfte ja wohl auch die nicht wundern, die nicht wissen, dass funky Metal eine lange Ahnenreihe besitzt. Mal ganz davon abgesehen, dass die ersten Versuche in dieser Richtung schon aus den 70ern stammen (z.B. Mother's Finest), steht der Basissound bekanntlich seit mittlerweile 20 Jahren- dass er trotzdem noch allgemein als aktuell gehandelt wird, ist für mich tatsächlich ein neuer Effekt in einer Branche, die meint, sich mit Lichtgeschwindigkeit fortzubewegen (aber ein anderes Thema).
Für den Fall, dass die üblichen Verdächtigen seit den 80ern hier nochmal aufgezählt werden müssen: Red Hot Chili Peppers, Beastie Boys, Run DMC, (wobei sich je nach eigener Wahrnehmung selbstverständlich noch so manches aus dem Back-Katalog von Def Jam in diese Richtung einsortieren lässt- mindestens die Collabo von Public Enemy mit Anthrax...). Ansonsten natürlich Faith No More...
...und das sind nur diejenigen, die es frühzeitig zu Börsennotierungen auf dem Weltmarkt geschafft haben. Anno 92 gab es durchaus Verwunderung, dass nach Jahren noch eine unbekannte Combo namens Rage Against The Machine mit etwas derartigem punkten konnte. Und dann gab es ja auch noch...
...Guano Apes (;-)
Selbst die Nachzügler dieser Sparte hatten schon mindestens ein halbes Jahrzehnt auf dem Buckel, als Limp Bizkits erste 1997 rauskam. Auch für stockkonservative Altmetaller dürfte sich der Neuigkeitswert dieses Sounds in Grenzen gehalten haben.
(Könnte höchstens sein, dass die Sache 95 so totgerockt war, dass dann schon wieder eine Marktlücke gab, weil sich ansonsten keiner mehr mit soetwas abgeben wollte...)

Nu Metal-Grooves

Wesentlich bedeutsamer für die Renovierung von Metal dürfte die Tatsache gewesen sein, dass es einige Bands gab, die Arbeit in kickende Beats investierten und sich ansonsten aber abseits der Klischees hielten.
Der Durchbruch in dieser Richtung glückte den Bad Brains 1989 mit Quickness: Ein Wall of Sound, wie ihn viele Metaller damals nicht hinbekamen, mit Grooves, die ohne Run DMC nicht möglich gewesen wären. Leider wurden sie aufgrund interner Querelen arbeitsunfähig, aber einer hatte sehr genau zugehört: Page Hamilton, der den Ansatz mit Helmet (Meantime) noch etwas weiter treiben konnte und zu einem für damalige Verhältnisse ziemlich sensationellen Durchbruch am Massenmarkt verhalf.
Wie jede erfolgversprechende Idee fand auch diese ihre Nachahmer: Kapellen wie Biohazard, Clawfinger, Pantera oder Fear Factory läuteten endgültig neue Metal-Zeiten ein. Diese Linie hätte mit eingem Recht Nu Metal genannt werden können, nur war das in der zweiten Hälfte der 90er längst erledigt.

Korn & Nu Metal

Nun denn- zumindest Korn hatten doch etwas sehr eigenes mit ihrer Tendenz zu Doom, Sickness und Noise. Wenigstens hier Nu Metal? Tja- auch das hatte nicht nur Vorläufer, sondern auch Bands, die es kurz zuvor schon fetter hinbekommen hatten.
In Sachen Doom-Core gab es beispielsweise von Neurosis finstere Sinfonien- im Vergleich mit deren Durchbruch "Souls At Zero" nimmt sich der Korn-Sound fast schon heiter aus. Aus mehr metallischer Richtung hatte ehedem legendäre Earache-Label massig Vorarbeit geleistet- man höre Fudge Tunnel oder Godflesh (mal ganz abgesehen vom gesamten Death Metal-Planeten). Und auf jenem Label erschien übrigens zeitgleich mit der Ersten von Korn "Wolverine Blues" von Entombed- ein krachiger und obendrein ziemlich durchdachter Spaß, der bis heute kaum an Durchschlagskraft verloren hat. Das Meisterwerk wurde von Mark Sikora in der Spex nicht zu unrecht als "letzte Hardcore-Platte" eingeordnet.
Und Sickness? Auch dort ein schönes Beispiel für einen Schlagkräftigen Vorläufer, auf das inzwischen kaum noch wer kommt, weil die Kapelle leider zu unrecht in Vergessenheit geraten ist: The Accused- die extremste Band aus (ja,ja) Seattle, deren Großtat "Grinning like an Undertaker" vom damals legendären Jack Endino produziert wurde. Gegen Accused-Blane ist Jonathan Davis ein sonniges Kerlchen ;-) Ein paar letzte Spuren von Accused sind hier zu finden...
Auch hier: Im Westen nichts Neues.

1997: Wer braucht Nu Metal?

In der zweiten Hälfte der 90er war offensichtlich das einzig Neue im Metal-Sektor, dass die Musikindustrie zu der Zeit problemlos Verträge für solche Bands raustat. Vorher waren die Leute vor allem auch deswegen underground, weil es gar keine anderen Möglichkeiten gab.
Für die Marktstrategen aus den Führungsetagen der multinationalen Konzerne war Nu Metal so gesehen tatsächlich neu- vorher hätten sie solche Combos teilweise nicht mit der Kneifzange angefasst. Und solche Leute sind natürlich stets bestrebt, ihren Kundenstamm zu erweitern, deswegen galt es, den "neuen Sound" auch Leuten schmackhaft zu machen, die nicht in einen dreckigen Punk-Schuppen gehen würden.
Vor allem aber gab es eine neue Generation von Fans breitwandiger Rockmusik, die sich nicht mehr sonderlich für irgendwelche Subkultur-Debatten interessierte. Oder besser gesagt: Sich dafür auch gar nicht mehr interessieren musste, denn nun wurde ja alles von der Industrie auf dem Silbertablett geliefert. Dort war man gewillt, jetzt endlich Kasse zu machen und legte kräftig nach- Michael Rensen vom Branchen-Fachblatt Rock Hard (im Januar 02) kommentiert:
"Die Plattenindustrie, seit dem nahezu kompletten Verpennen der Prä-Nirvana-Grunge-Bewegung doppelt wachsam, wittert den nächsten großen Geldregen und schlägt von vorfreudiger Goldgräberstimmung beseelt gnadenlos zu. Korn bekommen lukrative Endorsement-Deals mit Jägermeister und der halben transkontinentalen Bekleidungsindustrie, Davis' HIV-Tattoo wird zum Symbol der neuen Heruntergekommenheit, und miese Kopien des guten Originals werden gleich im Dutzend von den Schulbänken gezerrt. Jede Band, die HipHop und metallischen Gitarrenlärm so zusammenflicken kann, dass genug Platz für spektakuläre Laut/leise-Dynamics bleibt, muss unter Androhung von Taschengeldentzug eine CD aufnehmen und in möglichst teuren Sportklamotten möglichst lebensmüde durchs Scheinwerferlicht stolpern. Substanzlose Korn-Abziehbilder wie Coal Chamber werden dem Publikum gleich kompanieweise um die Ohren gehauen."
Der übliche Hype also- aber er beleuchtet in diesem Fall auch ein reales Problem:

Nu Metal, Old Metal & die Industrie

Mit Beginn der 90er stand eine breite Welle von härteren Bands parat, die kurz zuvor noch als Metal-(Crossover-)Core bezeichnet worden wären, nur: Die Hardcore-Szene der 80er gab es so nicht mehr, die Industrie erlangte Definitionsmacht und fusionierte alles zusammen mit Indie unter dem diffusen Alternative-Etikett. Eine Schublade, die der Vielfalt über lange Jahre erarbeiteter Underground-Rocksounds in keiner Weise Rechnung tragen konnte.
Das zeigte sich bei den Metal-Corelern am deutlichsten: Suicidal Tendencies hatten nunmal nichts Pavement zu tun und Helmet nichts mit Chumbawamba. Und alle beide nichts mit Iron Maiden oder Manowar. Obwohl sie, wie viele andere Hardcore-Leute auch, durchaus Metal-Freunde waren und für sich selbst auch keine Probleme hatten, sich dort einzureihen. Dogmatische Altmetaller hatten allerdings sehr wohl Probleme, denn in solchen Kreisen folgt "wahrer" Metal ehernen Regeln, vom Dress-Code bis über Spieltechnik bis zu zwischenmenschlichen Umgangsformen.
Über die genau dieses starre Regelkorsett hatten sich die Punks bekanntlich lange fröhlich gemacht und "Härte" nur noch in ironisch übersteigerter Form zugelassen. Suicidal-Kopf Mike Muir ist da ein herrausragendes Beispiel: Der hüpfte in den späten 80ern als ewig grinsende Karikatur eines Vietnam-Veteranen von seinem Skateboard bis ins Vorprogramm von Metallica, was den Altgedienten natürlich quer runterging.
Obendrein zeigte sich, dass die Ex-Core-Leute mit ihrem lockeren Auftreten bei vielen Zeitgenossen einen Nerv getroffen hatten, die härtere Rocksounds mochten, aber mit dem teilweise starren Metal-Kodex wenig anfangen konnten. Der Grunge-Boom der frühen 90er bildete schließlich den Warp-Antrieb für diesen Effekt- es war kein Zufall, dass Nirvana's Nevermind von Metal-Producer Andy Wallace aufgenommen wurde, der sich kurz danach auch um Helmet's Meantime kümmerte. Fast schon folgerichtig, dass "Smells Like Teen Spirit" für das Massenpublikum wie Heavy Metal wirken musste.
Und für Leute, die sich nunmal nicht trashige Hardcore-Locations reintrauen, klang das alles auch völlig neu. Das Ende vom Lied: Nun verdienten die Metal-Neuankömmlinge auch noch das ganze Geld- eine Schmach, die aufrechte Kämpfer bis heute nicht verwunden haben, wie das erstaunliche Interview zeigte, das Rock Hard-Chef Kühnemund mit Dave Grohl anlässlich seines Probot-Projektes führte.
Vor diesem Hintergrund hatte es tatsächlich eine gewisse Berechtigung, dass die Musikindustrie sich schließlich ein neues Buzz-Word für die bislang namenlose Klientel ausdachte, die sich irgendwie zwischen den Stühlen des Showbiz befand.

NuMetal.biz

Das einzig wirklich neue an Nu Metal war 1997 das Vermarktungslevel. Bis dahin war es aus Sicht der Industrie eher ungewöhnlich, in Punk- und Metal-Sounds so selbstverständlich zu investieren wie in Boy-Groups.
Außerdem wurde die Pop-Branche von der weltweiten Konsumgüterindustrie in den 90ern endgültig als Trendsetter akzeptiert. Wie Michael Rensen schon andeutete, zeigt das Auftauchen von Nu Metal auch, das Cross-Marketing seitdem auch vor harten Sounds nicht mehr halt macht. Was natürlich heitere Nebenaspekte hat, wenn sich die Protagonisten gleichzeitig als runtergekommen verkaufen wollen.
Mit solchen Methoden schon vor Markteinführung neuer Tonträger prall gefüllte Kriegskassen bewirken eben auch, dass ehedem "extreme" Sounds seitdem ihren selbstverständlichen Platz in den Charts haben. Was bei dogmatischen Metallern einerseits den alten Neid aufflammen lässt und dort, wo Metal auch als Opposition verstanden wird, berechtigte Kritik produziert. Obwohl die Mehrzahl der Metal-internen Kritiker geneigt zu sein scheint, Nu Metal als neumodischen Schnickschnack abzutun, wie im Metalspheres-Zinenoch 2001 ausgeführt wird. Einen Sound (gemeint ist Funk-Crossover), der bis dahin schon auf eine 15jährige Vorgeschichte zurückblicken konnte...

Und jetzt?

Falls es unklar geblieben sein sollte: Der Zweck dieses Artikels ist in keiner Weise, alten Zeiten nachzujammern. Jede Musik hat ihre Vorläufer, aber Nu Metal ist ein Fall, wo existierende Sachen tatsächlich ohne jede stilistische Neuerung einfach umetikettiert worden sind- aus recht durchsichtigen Marketing-Gründen.
Ich habe auch wenig soundtechnische Probs mit Limp Bizkit oder Korn. Beide haben den bis heute aktuellen Metal-Sound frühzeitig kompakt auf den Punkt gebracht- nicht mehr und nicht weniger. Nur: Eine Revolution war das noch nicht mal ansatzweise. Und dass vor lauter Marktschreierei die Arbeit derjenigen in Abrede gestellt wurde, die die Sounds tatsächlich erfunden haben, ist immer noch ein Lehrstück über die Mechanismen am Massenmarkt der globalisierten Musikindustrie.
Interessant bleibt auch, dass sich dieser Hype vor einem recht realen Hintergrund verschiedener Denkschulen und Generationen in der Metal-Szene abspielte. Und dieser Grundkonflikt hat sich durch Nu Metal nicht erledigt. Nun, wo 10 Jahre später auch der Lack von diesem schicken Etikett längst ab ist, zeigt sich, dass die alten Fronten von 1990 tatsächlich immer noch existieren: Eine Vielzahl undogmatischer Rocker steht wertkonservativen Traditionalisten gegenüber. Sage noch einer, die Pop-Branche wäre die schnellste der Welt...
Insgesamt hat es den Anschein, als ob Nu Metal die Vermarktungschancen für Metal und Verwandtes verbessert hat. Das Massenpublikum hat nur noch wenig Probs mit härteren Sounds und die Konzern-Manager stehen dem relativ unbefangen gegenüber. Damit folgt allerdings Charts-Metal auch den dortigen Gesetzen: Es ist ein 100% durchgestyltes Kunstprodukt, zu dem die Modeindustrie die passenden Accessoires liefert. Dadurch ist auch Metal endgültig zum folgenlosen Freizeitspaß für Gelegenheitsbanger geworden. Verglichen mit den Entwicklungen in den anderen Sektoren ist das eben business as usual.

Anderer Meinung?  




Der ganze Artikel:

Mit Hardcore-Crossover zu Nu Metal


Vorweg
  1. Protoplasma:

    d.i.y.
    Open minded

  2. Super Sonic:

    SST
    Thrash Metal
    Funk
    Hype 87

  3. Feedback:

    In the meantime
    Grunge killed Metal?