Krautrock?

Kraftwerk

Zu Zeiten von Tangerine Dream's Alpha Centauri schraubten die Kraftwerker Ralf Hütter und Florian Schneider noch als Mega-Hippies mit arschlanger Matte an schrankgroßen Früh-Synthesizern herum, während sie sich dazu auf der Bühne von alten Stehlampen bescheinen ließen. Allerdings hatte Kraftwerk schon anno 1971 mit Ruck Zuck einen nationalen Szene-Hit auf dem Konto, obwohl noch nicht wirklich zu ahnen war, was für ein take-off dann folgen sollte.
Zunächst trieb die Entwicklung allerdings noch einen international viel beachteten Seitenarm: In dieser frühen Phase von Kraftwerk startete Kurzzeit-Mitglied Klaus Dinger sein Projekt neu, dass den unbeschwerten Synthie-Pop der deutschen welle um 10 Jahre vorwegnahm. Allerdings nur, um nach 2 Veröffentlichungen die peinliche Kapelle "La Düsseldorf" zu gründen.
Wenig später glückte dann auch Kraftwerk der entscheidende Evolutionsschritt mit Autobahn (1974)- hochkomprimierte Elektronik und minimale Rhythmik mittels selbst zusammengelöteter Beat-Gerätschaften aus Heimorgeln- diese einsame Entwicklung hat Strahlkraft bis heute. Und breitete sich bekanntlich auch damals mit Schallgeschwindigkeit auf dem Planeten aus: USA- Platz 25, GB- Platz 10, BRD- Platz 7, Frankreich- Platz 1.
Passend dazu ließen sie den Hippie-Look hinter sich und etablierten ihr bekanntes Outfit, das über 10 jahre später anscheinend die Vorlage für die Uniformen der zweiten Star Trek-Generation lieferte. Parallel dazu wurde das Mensch-Maschine-Konzept ausgerufen, das in der großen Zeit von Glam Rock nur als Anti-Show wirken konnte- der San Francisco Examiner notierte dazu:
"Das Quartett bewegt kaum die Hände und zeigt nicht die geringsten Emotionen. Um zu einem synthetischen Produkt zu gelangen, hat Kraftwerk seine Mitspieler zu Robotern entmenschlicht".
1978 wurde Mensch-Maschine auch zum Album-Titel mit der programmatischen Single "Die Roboter". Roboter ließen Kraftwerk dann auch bei der gleichzeitigen Präsentation in New York und Paris die Position der Musiker einnehmen, während sie selbst aus dem Publikum zusahen. Solche Show-Einlagen brachten natürlich besonders in den USA zeitlosen Ruhm.

Die großen Zeiten von Kraftwerk waren allerdings nach "Mensch-Maschine" vorbei. In den 80ern gab es zwar noch einige Veröffentlichungen, die aber in keiner Weise an die Bedeutung der Werke aus den 70ern heranreichten. Schließlich kam noch der Split- die Demission von Wolfgang Flür scheint keineswegs einvernehmlich erfolgt zu sein- dieser legte seine Erinnerungen Jahre später in Buchform unter dem Titel "Ich war ein Roboter" vor, was seine ehemaligen Chefs zunächst gerichtlich verbieten ließen. Ob wirklich viel Dramatisches dort zu lesen war, kann ich selbst nicht beurteilen, die damalige Rezension von Jungle World meldet deutliche Zweifel an.

Danach nur noch Kleinigkeiten: Zum Ende der 90er gab es (97?) einen einsamen Auftritt beim britischen "Tribal Gathering"-Festival und zur Expo 2000 einen kleinen Skandal um die Tatsache, dass Fricke & Schneider einen wenige Sekunden langen Sound-Schnipsel für 400.000DM (?) an die Betreiber-Gesellschaft verhökerten.
Schließlich noch 2003 das erste reguläre Kraftwerk-Album seit 20 Jahren- laut Debug sound-technisch "wie immer".

Der Einfluss von Kraftwerk wurde ab den frühen 80ern besonders in Nordamerika deutlich. Dort fiel die Saat interessanter Weise vor allem in der afroamerikanischen Community auf fruchtbaren Boden. Der New Yorker Hiphop-Pionier Africa Bambataa nutzte Kraftwerk-Samples intensiv (auf der seinerzeit bahnbrechenden Single "Planet Rock") und der renommierte Jazzer Herbie Hancock ließ sich mit ähnlichem Instrumentarium zu seinem Meilenstein "Rock It" inspirieren- ohne Kraftwerk kein Electric Boogie, würde ich mal sagen.
Aber das Signal reichte noch sehr viel weiter: Denn zur gleichen Zeit verarbeitete in Detroit Juan Atkins eben diese Einflüsse mit seinem Projekt Cybotron, was ihm wenige Jahre später den Ehrentitel "originator" der Techno-Keimzelle dieser Stadt einbrachte. Und er gilt bis heute als der "Erfinder von Techno" (Titelstory Debug 04/05).

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